
Die Proben mit meinen Schauspielkollegen sind etwas vollkommen Faszinierendes für mich. Viele meiner neuen Kollegen führen ein sehr entspanntes und teilweise auch ziemlich chaotisches Leben und unterscheiden sich dadurch ziemlich von meinem bisherigen Freundeskreis in Shanghai. Letzterer besteht hauptsächlich aus Topmanagern internationaler Unternehmen – da ist meistens alles von A bis Z perfekt durchorganisiert.
Meine lieben Schauspielfreunde sind, im Gegensatz zu meinen anderen Freunden aus dem Topmanagement, eher sensible, zart besaitete Typen. So kommt es gelegentlich vor, dass ein Schauspieler zutiefst gekränkt die Probe verlässt, nachdem er vom Regisseur einen „Anschiß“ bekommen hat, weil er besagte Szene zum wiederholten Mal nicht so gespielt hat, wie der Regisseur es gerne hätte. Weil er nicht aufgepasst hat oder weil er der Ansicht ist, dass die Rolle anders zu interpretieren sei, als es der Regisseur es möchte? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich mein Bestes gebe, den Anweisungen des Regisseurs zu folgen.
Ich schreibe immer genau mit, wenn mir der Regisseur erklärt, wie er sich meine Rolle vorstellt. Ich halte mich dann auch immer strikt an diese Notizen – woher sollte ich, als Neuling ohne entsprechende Ausbildung, es auch besser wissen? Ich merke auch, dass ich bei den Proben nicht so schnell müde werde wie die meisten meiner Schauspielkollegen. Durch meinen anderen Job bin ich lange Arbeitszeiten durchaus gewohnt. Eines Abends, um 23.00 Uhr nach der 10. Wiederholung einer Szene, meint schließlich der Regisseur bewundernd, dass er den Eindruck hätte, ich könnte diese Szene die ganze Nacht weiterproben ohne vor Erschöpfung aufzugeben. Ich denke mir nur: Hast du eine Ahnung … ich habe Vertragsverhandlungen durchgestanden die über zwei Wochen gingen, mit maximal 5 Stunden Schlaf pro Nacht, und bin nicht zusammengebrochen. Eine Nacht durchzuproben ist ein Kinderspiel dagegen. Ich komme mir langsam ein bißchen wie die Oberstreberin der Truppe vor.
Und wie es so mit den Streber ist, macht mich diese Einstellung schnell zum Liebling des Regisseurs, nicht aber unbedingt beliebt bei manchen Kollegen. Und schon tauchen die ersten Probleme und Eifersüchteleien auf. Eine Schauspielerin, die sich selbst (zugegebenermaßen berechtigt) als den Star der Show ansieht, bekommt Panik, dass ihr jemand die Rolle der Primadonna streitig machen könnte. Es kommt zum ersten Zwischenfall an jenem Tag an dem wir unseren Text auswendig können sollen. Unser Regisseur bekommt zunächst einen Tobsuchtsanfall als sich während der Probe herausstellt, dass keiner der Schauspieler seinen Text wirklich kann – mit einer Ausnahme! Ich war anscheinend die Einzige, die diese deadline ernst genommen hat.
Regisseur: „Könnt ihr mir bitte erklären, wie es dazu kommt, dass Wei Na, die im Gegensatz zu euch anderen Englisch nicht als Muttersprache hat, als Einzige ihren Text beherrscht? Diese Probe wird abgebrochen. Ihr geht jetzt alle nachhause und lernt euren Text über Nacht! Nehmt euch ein Beispiel an Wei Na!“
Im Hinausgehen nimmt mich besagte Schauspielerin, Lisa ist ihr Name, beiseite und zischt mir zu: „Ich kann wirklich nicht verstehen, wieso der Regisseur dich so gerne mag und dich immer lobt.“
Ich, leicht ironisch: „Vielleicht weil ich mich an vorgegebene deadlines halte und diszipliniert arbeite?“
So ein Kindergarten. Sie ist eine exzellente Schauspielerin, singt und tanzt grandios – sie ist der unumstrittene Star der Show! Mich wundert es, dass sie es nötig hat sich zu so einem Kommentar herabzulassen.
Diese neuen Erfahrungen in der Welt der Schauspieler faszinieren mich. Vorfälle, wie Lisas blöder Kommentar, kann ich nicht ernst nehmen. Das ist einfach nur kindisch. Für mich ist dieser Ausflug in die Schauspielwelt ein Experiment, eine einmalige Gelegenheit, in dieses Metier hineinzuschnuppern und zu testen, ob ich wirklich dafür geeignet bin. Sollte dies nicht der Fall sein, würde ich wieder vollständig zu meinem alten Beruf zurückkehren. Bis dahin beabsichtige ich vollkommen neutral und emotionslos die Geschehnisse in der Schauspielwelt zu beobachten und meine Erfahrungen zu machen.
Bei einer anderen Probe fragt mich Adrian, einer der Kinderdarsteller in dem Stück, wie alt ich denn sei. Amüsiert kläre ich Adrian zunächst darüber auf, dass man Frauen ab einem gewissen Alter solche Fragen besser nicht stellen sollte. Um ihm zu demonstrieren, dass ich mich selbst allerdings noch nicht zu diesen Frauen zähle, lasse ich ihn mein Alter schätzen. Ohne zu zögern ruft Adrian: „29!“ Ich bin beeindruckt, und gratuliere ihm zu diesem Volltreffer. Diese ganze Konversation weckt Lisas Aufmerksamkeit. Keine Konversation während der Probe bei der nicht sie im Mittelpunkt des Geschehens steht. Mit lauter Stimme fordert sie Adrian auf, auch ihr Alter zu erraten. Adrian mustert sie mit unbewegter Miene und meint schließlich im Brustton der Überzeugung: „35!“ Das ganze Cast beginnt verhalten zu kichern. Die arme Lisa ist nämlich erst 26 Jahre alt. Mit beleidigter Miene zieht sie sich zurück. Insgeheim freue ich mich diebisch über diesen Tiefschlag und genieße es, auch ein wenig kindisch sein zu können.