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Donnerstag, 09.06.2011, 12:57

Seit unsere Abteilung immer mehr zu einem absurden Kasperltheater verkommt (das war zwar frueher in Ansaetzen auch schon der Fall, aber da konnte man noch nach aussen hin den Schein wahren), macht es mir richtig Spass an gemeinsamen Buero Mittagessen oder Abendessen teilzunehmen. Frueher fand ich solche Veranstaltungen meistens einschlaefernd, da saemtliche Unterhaltungen auf Chinesisch gefuehrt wurden und ich somit an keiner Konversation aktiv oder passiv teilnehmen konnte.

Es ist nach wie vor so, dass die Unterhaltung ausschliesslich in Chinesisch stattfindet. Mittlerweile haben wir aber einige absurde Hampelmaenner (Betonung liegt hier auf „absurd“ und „Maenner“) in der Abteilung, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit grosse Rede schwingen und sich dabei zum Affen machen. Und: Mein passives Chinesisch ist auch besser geworden. So verbringe ich jetzt die Zeit waehrend des Buero Mittagessens/Abendessens damit konzentriert den Unterhaltungen meiner Kollegen zu lauschen (soweit dies moeglich ist) und anschliessend in 4-Augen-Gespraechen die fehlenden Informationen zu beschaffen.

Kuerzlich bei einem Mittagessen spielt sich folgende Szene ab. Meine liebe Kollegin Yang hat Geburtstag. Yang ist Anfang 30 und (oh Schreck, oh Graus!) unverheiratet. Das Thema von unverheirateten Frauen ueber 30 wird somit lang und breit diskutiert (obwohl dieses Thema seit ich in die Firma eingetreten bin bei diversen Gelegenheiten mindestens 5000mal von A bis Z durchdiskutiert worden ist, aber was solls, auf einmal mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an). Schliesslich beginnt unser Ober-Hampelmann eine Rede zu halten. Diese wird mit grossen, theatralischen Gesten untermalt. Der Inhalt seiner Rede offenbart sich mir nur bruchstueckhaft. Es geht um Frauen, um Lebensjahre, um Beziehungen. Mehr kann ich nicht verstehen. Allerdings merke ich, dass es am Tisch immer leiser wird und alle konzentriert zuhoeren. Das ist ein untruegliches Zeichen dafuer, dass Ober-Hampelmanns Rede vollkommen absurd oder unangebracht sein muss. Waere sie langweilig und nichtssagend, wuerden sich meine Kollegen gedaempft miteinander unterhalten oder unter dem Tisch mit ihren iPhones spielen. Schliesslich merke ich, wie sich viele Kolleginnen unbehaglich anschauen. Das verheisst Gutes – ich freue mich insgeheim auf die anschliessende Tratsch- und Klatschsession in meinem Zimmer.

Und die hat es in sich. Zunaechst einmal regen sich alle Kolleginnen darueber auf, dass der Ober-Hampelmann gemeint hat, dass Frauen bestmoeglich vor 30 heiraten sollten, da Frauen ab 30 bereits zur Kategorie „Frauen im mittleren Alter“ zaehlen wuerden. Dann philosophiert Kollege Ober-Hampelmann noch ueber den Sinn der Ehe. Seiner Ansicht nach waere Ehe eine rein praktische Institution und ein Ehepartner sollte unter pragmatischen Aspekten gewaehlt werden. Daher waere es auch besser nicht gleich mit 20 zu heiraten, da Menschen bis 20 ueberwiegend triebgesteuert waeren und sich dementsprechend ihre Partner aussuchen wuerden. Ab 20 wuerde das dann aufhoeren und man koenne sich seinen Partner unter vernuenftigen Gesichtspunkten aussuchen. Abschliessend hat Ober-Hampelmann in die Runde geblickt und gemeint, dass die Gefahr der falschen Partnerwahl aufgrund des Triebes bei keiner der anwesenden unverheirateten Damen vorhanden sein duerfte, da wir alle bereits die 20 ueberschritten haetten.

Und wieder habe ich etwas Wichtiges ueber das Leben gelernt.

Bild: www.kidsweb.de


Donnerstag, 10.03.2011, 15:21

Vor gut einer Woche ist unsere Abteilung in unser neues Bürogebäude gezogen. Dieses Gebäude beherbergt ausschließlich Abteilungen der Firma für die ich arbeite und wurde auch extra für unsere Firma im Auftrag unserer Firma gebaut. Dh es wurde nicht einfach ein neues Gebäude angemietet sondern die Firma für die ich arbeite, war in federführender Funktion an der Planung des Gebäudes beteiligt. Diese Details sind wichtige Informationen im Vorfeld der folgenden Geschichte.
Mehrfach habe ich die Probleme des Gebäudes in dem unsere Abteilung bisher untergebracht war beschrieben. Dabei ging es primär um die Unwilligkeit unseres Vermieters zu heizen und um die Unfähigkeit meiner Assistentin ihn dazu zu bringen. Ich habe nicht ernsthaft gedacht, dass sich alle Probleme in Luft auflösen würden, sobald wir in das neue Büro umgezogen wären. Come on, we are still in China! Ich habe allerdings auch nicht mit einer signifikanten Steigerung der Probleme gerechnet.
Das erste Problem mit dem ich in dem neuen Bürogebäude konfrontiert werde, ist ein Standort an den kein einziger westlicher Lieferservice der Stadt Essen liefert. Mit viel Kreativität und Verhandlungsgeschick konnte ich zusammen mit meiner Sekretärin Sandy (die sich ausnahmsweise einmal nicht wie ein Vollidiot angestellt hat) eine Lösung des Problems ausarbeiten. Ich bestelle mein Mittagessen beim Restaurant meiner Wahl, ein Kurierdienst wird angerufen und zu dem Restaurant geschickt, holt das Essen ab und liefert es ins Büro. Kostenpunkt: EUR 1,5. Es leben die billigen Kurierdienste in China! Erstes Problem gelöst.

Hier kommt das zweite Problem: bereits wenige Tage nach unserem Einzug bemerke ich, dass die Heizung in meinem Zimmer, naja sagen wir, nicht übermäßig gut funktioniert. Aus zwei Lüftungen im Boden kommt ein bisschen lauwarme Luft. Dummerweise ist die gesamte Außenwand meines Büros verglast und in typisch chinesischer Manier saumäßig schlecht isoliert, sodass ein kalter Luftzug durch alle Ritzen pfeift.

Erster Planungsfehler: man weiß, dass die Chinesen nicht isolieren können. Wieso schafft man dann künstlich ein weiteres Isolationsproblem indem man ein Gebäude plant und baut, dessen Außenfläche zu 100% verglast ist?
Zusätzlich haben wir den kältesten Winter den Shanghai seit mehr als 10 Jahren gesehen hat (um die Minus 5 Grad). Ein paar Tage lang kämpfe ich mehr oder weniger erfolgreich mit meinem kleinen elektrischen Heizkörper, drei Schichten Kleidung (inklusive zwei Schals, Mütze, Handschuhen und Schiunterwäsche) und geschätzten vier Litern heißem Tee pro Tag halbwegs erfolgreich gegen die Kälte an. Dann passiert ein Unglück. Mein elektrischer Heizkörper gibt den Geist auf. Als ich noch verzweifelt versuche, ihn mit hektischem Ein- und Ausschalten, Schütteln und viel gutem Zureden wiederzubeleben kommt mir plötzlich ein eiskalter Hauch von hinten entgegen. Verwundert drehe ich mich um – woher kommt der kalte Hauch? Ist die Fensterscheibe still und leise aus der Verankerung gefallen, während ich mit meinem Heizkörper beschäftigt war? Nein, sie ist vollkommen intakt (sofern man bei dieser Isolierung von „intakten“ sprechen kann). Der Hauch ist weg – habe ich ihn mir nur eingebildet? Ich wende mich wieder meinem Heizgerät zu. Mein tapferer Kumpane der mir treu in den vergangenen zwei Wintern gegen schlecht isolierte Gebäude und heizungsunwillige Vermieter zur Seite gestanden ist, ist allerdings in die ewigen Jagdgründe der Heizgeräte eingegangen. Während ich eine Trauerminute für mein von mir gegangenes Heizgerät einlege weht mir erneut von hinten ein eiskalter Hauch um die Ohren. Das gibt es doch nicht, wo kommt die kalte Luft her? Ich mache eine Inspektionsrunde durch alle Zimmer meiner Kollegen und überprüfe ob es irgendjemand gewagt haben sollte, das Fenster in seinem Büro zu öffnen. Ist nicht der Fall, alle leiden unter ähnlichen Kältezuständen wie ich.

Zurück in meinem Zimmer nähere ich mich meiner Glasfront um die Fugen auf gröbere Risse, durch die Kalte Luft dringen könnte, zu überprüfen. Plötzlich weht mir ein eiskalter Hauch von unten um meine Beine. Erschrocken springe ich einen Schritt zurück und werfe einen Blick Richtung Boden. Und da offenbart sich mir schließlich die Wurzel des Übels bzw die Herkunft des Todeshauchs. Meine Lüftung hat sich anscheinend überlegt, dass die lauwarme Luft, die sie bis dato von sich gegeben hat, ohnehin nicht viel zur Erwärmung des Büros beitragen konnte und sich somit entschieden einfachheitshalber gleich auf kalte Luft umzustellen.

Ich stürme in das Sekretariat und beauftrage Sandy, sich umgehend des Problems anzunehmen. Sandy betritt mein Zimmer und versucht manuell die Temperatur in meinem Büro zu regeln. Nichts ändert sich und meine Vermutung, dass der manuelle Heizungsregler an der Wand eine reine Attrappe ist, bestätigt sich. Sandy ruft die Service-Hotline der Gebäudemanagement Firma an, die Nummer 2222. Dort gibt man ihr Instruktionen, die sie ausführt, die aber auch nicht zum gewünschten Erfolg führen. In den nächsten drei Tagen ist Sandy eifrig damit beschäftig (oder täuscht es zumindest glaubwürdig vor) sich des Problems anzunehmen. Ich sitze mittlerweile mit meinem Daunenmantel vor dem PC und stelle fest, dass man mit Handschuhen wesentlich langsamer tippen kann als ohne Handschuhe.

Am Tag Nummer vier bemerke ich ein lästiges Kratzen hinten in meinem Hals. Am Tag Nummer fünf werde ich von einem trockenen, schmerzenden Husten geschüttelt. Ich konfrontiere Sandy erneut mit dem Problem und deute an, dass sich bei mir bereits ernsthafte Krankheitssymptome bemerkbar machen würden. Sandy wählt erneut 2222 und eine halbe Stunde später steht ein Handwerker in meinem Büro. Dieser macht sich an der Lüftung zu schaffen und behauptet schließlich freudestrahlend, dass nun warme Luft aus der Lüftung kommen würde. Ich stelle mich probehalber auf die Lüftung. Nach wenigen Minuten spüre ich das altbekannte eiskalte Händchen an meinen Beinen. Ich konfrontiere Sandy mit der Lüge des Mannes und gebe ihr mit ruhiger Stimme den Auftrag erneut 2222 anzurufen und dort die Nachricht zu hinterlassen, die da lautet: „Wir wissen, dass ihr uns einen eurer Praktikanten als Handwerker verkleidet geschickt habt, um uns vorzugaukeln, dass ihr euch um das Problem kümmern würdet. Ihr könnt sofort mit dem Verarschungsprogramm aufhören und euch endlich ernsthaft der Lösung des Problems zuwenden. Andernfalls wird etwas Schreckliches geschehen.“
Für mehrere Stunden geschieht nichts, außer dass ich von sich häufenden schmerzenden Hustenanfällen geschüttelt werde. Schließlich fühle ich mich so übel, dass mir alles egal ist. Ich beginne ein Schreiben aufzusetzen:

„Geschätzter CEO,
wir sind vor einer Woche in das neue Bürogebäude in Shanghai gezogen. Ich möchte Sie darüber informieren, dass die Umstände unter denen wir arbeiten müssen nicht nur untragbar, sondern schlichtweg gesundheitsgefährdend sind. Seit fast einer Woche kommt aus der Lüftung in meinem Büro eiskalte Luft. Seit zwei Tagen kämpfe ich mit den Symptomen einer schweren Erkältung. Seit fünf Tagen versucht meine Assistentin mit der Gebäudemanagement-Firma das Problem zu lösen. Ich finde, es ist nicht zuviel verlangt, seine Angestellten in einem gesunden Umfeld arbeiten zu lassen. Mir sind bereits medizinische Kosten entstanden und ich überlege mir, sie gegen das Unternehmen geltend zu machen.
Hochachtungsvoll
Wei Na“

Bevor ich von Hustenanfällen geschüttelt das Büro verlasse, poste ich dieses Schreiben auf der von allen Angestellten einsehbaren Intranet-Seite unseres CEOs. Dann mache ich mich daran, meine Sachen zu packen und nachhause zu gehen. In diesem Moment läutet mein Telefon. Es ist der General Manager der Gebäudemanagement-Firma, der sich aufgeregt nach meinem Problem erkundigt. Ich lege ihm dieses lang und breit dar und er verspricht, sich umgehend und persönlich darum zu kümmern. Zehn Minuten später stürmen zwei (richtige) Arbeiter in mein Zimmer und bringen mir einen neuen elektrischen Heizkörper, um mein Zimmer bis zur endgültigen Lösung des Problems warm zu halten. Sie transportieren auch gleich meinen kaputten Heizkörper ab. Bevor ich es schaffe, das Büro zu verlassen stürmt der stellvertretende General Manager unserer Gebäudemanagement-Firma in unsere Abteilung um sich im Namen des General Managers für das Versagen der Heizung zu entschuldigen. Er klärt mich auch darüber auf, warum die Lüftung in meinem Zimmer kühlen würde.
In der Planungsphase des Gebäudes habe man entschieden eine hochentwickelte, intelligente Technologie einzusetzen. Das Gebäude sei so intelligent, dass es selbst entscheiden könne, wann und wo Bedarf wäre zu heizen oder zu kühlen. Aus Gründen, die noch erforscht werden müssen, hat das Gebäude vor ein paar Tagen entschieden, dass in meinem Zimmer gekühlt werden müsste. Obwohl die Außentemperatur unter 0 Grad Celsius liegt. Logisch, das Gebäude wollte wahrscheinlich die Innen- an die Außentemperatur angleichen. Man würde aber der Ursache nachgehen und das Problem lösen. Auf meine Frage, warum man nicht einfach die „Intelligenz“ des Gebäudes austricksen und manuell den Schalter auf Heizen umstellen würde, wird mir geantwortet, dass man damals in der Phase der technischen Planung beschlossen hätte die Möglichkeit, manuell in das System einzugreifen (falls der unwahrscheinliche Fall des Versagens der Gebäude-Intelligenz eintreten sollte – was völlig absurd ist, da in China immer alles auf Anhieb funktioniert, vor allem wenn es sich um eine brandneue Technologie handelt), aus Kostengründen nicht vorgesehen hätte. Augenblicklich schwirren mir ganz andere Fragen durch den Kopf. Was, wenn das Gebäude beschließt alle Türen zu verriegeln? Und anschließend die Temperatur auf - 30 Grad reduziert? Müssen wir um unser Leben fürchten?

Wohl eher nicht - im Notfall könnte man sicher die Glasfront, bei der durch jede Ritze und Fuge der Wind pfeift, mit einem schweren Gegenstand einschlagen und flüchten. Aus Kostengründen wurde sicher kein bruchsicheres Glas verwendet.

Anmerkung: Wenig später bewahrheitet sich diese Vermutung von mir, da plötzlich und ohne erkennbaren Grund eine Scheibe in A’s Abteilung zerbirst. Zum Glück wird niemand verletzt.

Es ist mittlerweile eine Woche vergangen. Ich habe keinen Fuß mehr in das Bürogebäude gesetzt und von zuhause gearbeitet. Jeden Tag in der Früh rufe ich Sandy an und frage sie nach dem Temperaturstatus meines Büros. Jeden Tag in der Früh stottert Sandy nervös herum und meint schließlich, dass es in meinem Zimmer schon wärmer geworden sei. Unmittelbar nach dem Telefonat bekomme ich zwei emails von Kolleginnen, die mir mitteilen, dass Sandy lügen würde und es weiterhin eiskalt im Büro wäre. Dafür würden aber täglich Handwerker in unserer Abteilung ein und ausgehen, vermutlich um das Problem zu beheben. Ich beschließe notfalls bis zum Frühlingsanbruch von zuhause aus zu arbeiten.

Nach einer Woche ruft mich Xiao Jing (der ich vertraue) an, um mir zu melden, dass sich die Temperatur im Büro merklich erhöht hätte. Die Kollegen würden beinahe vollkommen ohne elektrische Zusatzheizer auskommen. Also beschließe ich dem Büro eine letzte Chance zu geben. Am nächsten Tag betrete ich den Ort des Geschehens. Als ich das Foyer betrete, merke ich, dass es immer noch eiskalt ist. Die Empfangsdamen sitzen in ihren dicksten Daunenmänteln bei der Arbeit. Ich fahre mit dem Aufzug in den 3. Stock wo sich meine Abteilung befindet. Als ich die Tür zu meiner Abteilung öffne, habe ich das Gefühl eine andere Klimazone zu betreten. Es ist angenehm warm, Sandy und die anderen Assistentinnen sitzen in ihren Blusen und T-Shirts bei der Arbeit. Alle sind gut gelaunt und begrüßen mich überschwänglich. Dank meiner email Aktion an den CEO hätten sich die Arbeitsumstände für alle im Büro drastisch verbessert. In meiner Abwesenheit wären unzählige Handwerker bei uns ein- und ausgegangen und hätten sich intensiv mit der Heizung beschäftigt. Und siehe da, eines Tages wurde es warm. Als ich mein Zimmer betrete, merke ich gleich, dass die Handwerker sich bei mir besonders viel Mühe gegeben haben. Die Temperatur beträgt schätzungsweise 30 Grad. Ich frage mich zum hundertsten mal warum es in diesem Land so schwer ist, ein gesundes Mittelmaß zu finden.

Wenn man im Restaurant ein Wasser bestellt, bekommt man es entweder eiskalt oder brühend heiß. Wang Yan versuchte einmal dem vollkommen überforderten Kellner zu erklären, dass wir gerne ein Wasser mit „Zimmertemperatur“ hätten. Der Kellner war ratlos und wollte von Wang Yan die genaue Temperatur wissen, da er sich unter Zimmertemperatur nichts vorstellen konnte.

Mittlerweile haben sich noch viele weitere lustige Vorfälle in unserem neuen office Gebäude ereignet. Warum A. eines Tages in seiner Abteilung vor einem chinesischen Handwerker die Hosen herunterlassen wollte (woran wir ihn mit vereinten Kräften hindern konnten) ist allerdings eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt wird.

Bild: wgvu.org


Dienstag, 28.12.2010, 22:52

Mir ist aufgefallen, dass ich schon lange nicht mehr über den täglichen Wahnsinn im Büro geschrieben habe.

Ich sitze heute beim Mittagessen mit meinem Bekannten H., der Partner in einer internationalen Anwaltskanzlei ist. H. erzählt mir, dass er eines Tages in der Früh einen seiner chinesischen associates dabei erwischt hat, als dieser sich in seinem Büro mit einem elektrischen Rasierer genüsslich den nichtvorhandenen Bart rasiert hat. Nichtvorhanden deswegen, da sich 80% der chinesischen Körperbehaarung auf dem Kopf befindet. Wenn man das Schild das bei uns im Fitnesscenter in den Umkleidekabinen bei den Föhns hängt liest, dann weiß man auch wo sich die übrigen 20% Körperbehaarung befinden – ein Tipp: nicht auf den Beinen, Armen und schon gar nicht im Gesicht. Das Schild sagt: „Please respect the privacy of others and do not use the hairdryers for private parts.“ Noch Fragen?

Aber zurück zum öffentlichen Rasieren. Das ist noch gar nichts meine ich darauf, bei uns im Büro wird fröhlich und munter der öffentlichen Körperhygiene gefrönt, ich habe schon mehrmals Kollegen dabei erwischt, als sie dabei waren sich die Fingernägel zu schneiden. Ich warte nur auf den Tag an dem sie anfangen sich auch über ihre Zehennägel herzumachen. Einmal kam ein Kollege von der Mittagspause zurück ins Büro, nahm einen Schluck Wasser aus seinem Wasserglas, gurgelte und spuckte das Gurgelwasser vor meinen Augen in seinen Blumentopf. Warum auch nicht? H. ist sprachlos, 1:0 für mich. Danach erzählt mir H. dass es tatsächlich einmal drei Wochen gedauert hat, bis ein kaputter Drucker im Büro repariert wurde. Ich kontere mit:

http://vonderdonauzumhuangpu.mywoman.at/stories/691278/

http://vonderdonauzumhuangpu.mywoman.at/stories/706952/

http://vonderdonauzumhuangpu.mywoman.at/stories/709249/

2:0, H. gibt sich geschlagen.

Zurück im Büro kommt mir A. entgegen – das HQ will tausend Informationen haben, gleichzeitig versuchen seine chinesischen Mitarbeiter tausend schreckliche Dinge vor ihm zu verheimlichen bzw an ihm vorbeizuschummeln. Er bittet mich, ein paar Dinge zu überprüfen und ein paar Leuten in der XY Abteilung auf die Finger zu schauen und, falls notwendig, auch auf diese zu hauen. Die erste Stichprobe die ich nehme deckt, wie erwartet, Furchtbares auf. Ich laufe in die XY Abteilung von A. und möchte die Verantwortlichen zur Rede stellen. Wie durch ein Wunder sind alle chinesischen Mitarbeiter der XY Abteilung verschwunden (irgendwie wissen sie immer genau, wann sie die Flucht ergreifen müssen), nur ein alter westlicher Mitarbeiter, der halb taub und blind ist, ist noch da und schläft auf seinem Arbeitsplatz.

Ich:“D. wo sind die anderen?“

Keine Reaktion. Genau, er ist ja taub, da werde ich mit akustischen Mitteln nicht weiterkommen, wenn ich ihn aufwecken will. Also remple ich ihn vorsichtig an. Langsam öffnet D. seine Augen. Als er mich sieht, freut er sich sehr und strahlt bis über beide Ohren.

Ich: „D. wo sind die anderen?“

D: „Häh? Warte ich muss mal mein Hörgerät einschalten, sonst versteh ich dich nicht.“

Schaltet sein Hörgerät ein.

Ich, zum dritten Mal, aller guten Dinge sind bekanntlich drei: „D. wo sind die anderen?“

D. blickt sich um, realisiert, dass er alleine ist und meint nur leicht verwirrt, dass eben noch alle hier gewesen wären und er sich das plötzliche Verschwinden seiner Kollegen auch nicht erklären könne. Aber die würden schon wieder kommen, sie kämen immer wieder zurück. Ich rolle genervt mit den Augen.

Ich: „D. es reicht nicht, wenn die irgendwann wiederkommen, ich brauche sofort Informationen zu folgendem Projekt. Kennst du dich mit diesem Projekt aus?“

D.: „Ich war dafür nicht direkt zuständig, aber wir können es einmal probieren. Was möchtest du denn wissen?“

Ich erkläre ihm was ich wissen möchte, obwohl ich weiß, dass es zwecklos ist. Während D.‘s andere Kollegen könnten, aber nicht wollen, kann D. zwar nicht, würde aber so gerne. Und so kommt es auch.

D.: „Also diese Informationen kann ich dir jetzt auch nicht so direkt geben, aber das wird schon irgendwie klappen. Damals kurz nach Ende der Kulturrevolution haben wir das auch so gemacht in China und es hat wirklich immer gut funktioniert.“

Ich erkläre D. genervt, dass diese Aussage weder mich, noch A. oder das HQ zufriedenstellen würde.

D. daraufhin: „ Du und A., ihr seid beide immer so nervös und aufgeregt und verbreitet unnötig Stress in der Abteilung. Das ist sicher, weil ihr beide noch so jung seid. Wartet noch ein paar Jahre dann werdet ihr auch ruhiger. Und das HQ hat doch sowieso keine Ahnung, wie man hier in China Geschäfte zu machen hat.“ Spricht‘s, nimmt sein Hörgerät demonstrativ aus dem Ohr, schließt die Augen und schläft weiter.

Ich gebe auf und renne in A.‘s Zimmer. In Stichworten gebe ich wieder, was in seiner XY Abteilung vorgefallen ist. A. springt von seinem Stuhl auf und rennt aus dem Zimmer. Seine Mitarbeiterin Jin Ling und ich ahnen nichts Gutes und rennen ihm hinter her. A. rennt Richtung XY Abteilung. Auf halbem Weg hole ich ihn ein und frage ihn, was er vorhat.

A.: „Ganz einfach. Ich bringe D. um und alle die sich sonst noch in dieser verdorbenen Abteilung aufhalten und glauben, dass sie uns an der Nase herumführen können.“

Ich: „ Tu bitte nichts, was du später bereust.“ A. reißt die Tür zur XY Abteilung auf. Nach wie vor sind alle weg, bis auf D. der selig in seiner Ecke schläft.

A. brüllt: „Wie kannst du hier schlafen während andere sich den A…. aufreißen um die Fehler eurer Abteilung auszubügeln?!? Warte nur, dich mach ich fertig!“ A. will sich auf D. stürzen, Jin Ling und ich halten ihn aber fest.
Jin Ling: „Nein, tu es nicht. Man muss alte Menschen mit Respekt behandeln.“

A. brüllt: „Nicht, wenn sie es nicht verdient haben. Und der hat es nicht verdient – schläft hier seelenruhig während bei uns alles drunter und drüber geht!“

D. schläft unterdessen ruhig weiter, sein Hörgerät liegt neben ihm auf dem Tisch. Er bekommt zum Glück nicht mit, dass direkt neben ihm über sein Schicksal entschieden wird.

Plötzlich stürmt A.‘s Assistentin Angela in die XY Abteilung. Sie ist ganz aufgeregt und erinnert A. daran, dass wir seit ungefähr fünf Minuten in einer Telefonkonferenz mit dem HQ sein sollten. A., Jin Ling und ich stürmen zurück in A.‘s Zimmer, wo – surprise, surprise - die gesamte chinesische XY-Mannschaft auf uns wartet und uns verschlagen angrinst. Das HQ ist auch bereits in der Leitung – alle haben nur auf uns gewartet. Wir kassieren die erste Rüge. Kurz darauf hagelt es Frage um Frage auf uns. Die XY Kollegen haben keine Ahnung und spielen das typisch chinesische Spielchen, das da heißt: Wenn ich keine Ahnung habe, kann ich plötzlich kaum noch Englisch, antworte auf alle Fragen die man mir stellt mit nicht zur Frage passenden Antworten und erkläre die Antworten in langen, sinnlosen, verworrenen Sätzen, solange bis der Gegenüber kapituliert und aufhört zu fragen. Schließlich kommt es wie es kommen muss: A. wird vom HQ gebeten die Situation zu erklären. Da A. sich kulturell bedingt schwer tut, das chinesische Verwirrspiel aufzuführen und außerdem doch noch nicht ganz die Hoffnung aufgegeben hat, dass man ihn irgendwann wieder nachhause kommen lässt und mit einer möglichst guten Position im HQ entschädigt (sozusagen als Schmerzensgeld für die Zeit in China), versucht A. das ganze (von den XY Mitarbeitern verbockte) Schlamassel aufzuklären. Dabei wird er von mir unterstützt. Schließlich müssen wir die obligatorische Strafpredigt über uns ergehen lassen und geloben, dass wir es in Zukunft besser machen werden. Die XY Mitarbeiter sitzen in der Zwischenzeit qietschvergnügt mit ihren Blackberrys spielend daneben. Wir wissen – sie werden es das nächste Mal genau gleich machen.


Samstag, 06.11.2010, 11:45

Wer gedacht hat, dass mit der Ankunft am Hohhot Flughafen das Teambuilding-Event und somit unsere Strapazen zu Ende gewesen wären, der ist in die China-Falle getappt: wenn man glaubt, es kann gar nicht mehr unglaublicher/absurder werden, wird man schnell eines besseren belehrt.

Zurück zum Ort des Geschehens: der Flughafen in Hohhot.

Die übrigen Kollegen verabschieden sich und gehen zu ihren Gates nach Shanghai und Beijing. Auch F. fliegt zunächst nach Beijing zurück, da er keinen Direktflug nach Qingdao bekommen hat. Es ist geplant, dass Wang Yan, Xiao Jing und ich ihn am nächsten Tag in Qingdao treffen.
Wir machen uns zu Dritt zu unserem Gate nach Qingdao auf. Dort sind alle Sitzplätze belegt, da sich die meisten Leute quer über drei Plätze gelegt haben, um zu schlafen.


Wir bleiben daher stehen. Ist auch weiter kein Problem, das Boarding beginnt ja schon in einer halben Stunde. Diese vergeht und nichts geschieht. Wang Yan fragt eine Flughafenangestellte, wann denn das Boarding beginnen würde. Die Antwort lautet:“Bald, kein Grund zur Beunruhigung.“ Ich äußere mit einem leicht hämischen Unterton meine Vermutung, dass wir sicher nicht rechtzeitig abfliegen werden, da grundsätzlich kein chinesischer Inlandsflug pünktlich ist. Und tatsächlich, plötzlich ertönt die Durchsage:“Ladies and Gentlemen, flight XY123 to Qingdao will be delayed due to the aircraft delay.“ Sinngemäß, der Flug ist verspätet, weil das Flugzeug verspätet ist. Über die Gründe der Verspätung wird man im Dunkeln gelassen, geht die Passagiere auch eigentlich nichts an. Wir richten uns auf eine durchaus übliche ein- bis zweistündige Wartezeit ein.

Eigentlich würden wir uns nun doch gerne hinsetzen. Das Teambuilding-Event war eher anstrengend und wir haben alle keine Lust für die nächsten ein bis zwei Stunden herumzustehen. Daher machen wir machen uns auf die Suche nach Sitzplätzen, was sich aber unverändert als ziemlich aussichtslos erweist. Wir wollen mehrere Leute fragen, ob sie uns nicht vielleicht ein oder zwei ihrer belegten Sitze überlassen könnten. Sobald wir uns aber jemandem nähern, der noch nicht schläft, fällt die betreffende Person von einer Sekunde auf die andere in einen komatösen Tiefschlaf und reagiert auf unsere Frage nicht.


Wang Yan und Xiao Jing überlegen, ob wir Schwangerschaft oder ein schweres Gebrechen vortäuschen sollten. Ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo mir alles wurscht ist. Ich packe meinen Schlafsack aus meinem Rucksack aus, lege ihn zusammengerollt auf den Boden und setze mich im Schneidersitz darauf. Herrlich, Entspannung. Wang Yan und Xiao Jing suchen unterdessen weiter nach freien Plätzen.

Nach ein paar Minuten im Schneidersitz auf dem Boden merke ich, dass mich alle umstehenden und sitzenden Menschen nervös anschauen. Eine Flughafenangestellte macht sogar Anstalten sich mir zu nähern, entscheidet sich dann aber in der letzten Sekunde dagegen. Stattdessen beobachtet sie mich aus einer sicheren Distanz und beginnt hektisch in ihr Walkie Talkie zu flüstern. Ich frage mich, was nun schon wieder los ist. Es ist mir aber eigentlich ziemlich egal, die Erfahrung sagt mir, dass man mich in den meisten Fällen in Ruhe lässt. Wahrscheinlich sind alle nur aufgeregt, weil sie nicht oft eine weißhäutige, rothaarige Ausländerin in ihrem Flughafen sehen. Wie viele nicht-chinesische Touristen machen schon in Hohhot Urlaub?


Wang Yan und Xiao Jing kommen nach einiger Zeit erfolglos zurück. Sie sehen mich, blicken sich kurz um und beraten sich ein paar Minuten lang auf Chinesisch. Ich verstehe nur, dass es um mich geht. „Mädels, das ist unfair! Sagt mir, was los ist oder sprecht unauffälliger über mich.“ Wang Yan bekommt einen Lachanfall und bittet mich, aufzustehen. „Wieso? Gibt es irgendwo freie Sitzplätze? Ich habe keine Lust bis zum Abflug zu stehen.“ Schließlich erklären mir die beiden, dass ich auf die umstehenden Leute den Eindruck mache, als ob ich gegen etwas protestieren würde. Da es in China generell nur sehr eingeschränkt erlaubt ist öffentlich zu demonstrieren oder zu protestieren, würden sich die Menschen üblicherweise, wenn sie auf Missstände aufmerksam machen wollen, an dem betreffenden Ort schweigend im Schneidersitz auf den Boden setzen. Genauso, wie ich gerade vor dem Gate auf meinem Schlafsack sitze.


Die anderen Passagiere und insbesondere das Flughafenpersonal wären wahrscheinlich gerade sehr beunruhigt, dass ich gegen den verspäteten Flug protestieren würde.

Hmm, interessant, aus dieser Situation muss doch irgendwie ein Nutzen zu holen sein. Ich schlage Wang Yan und Xiao Jing vor, dass sie zu der Flughafenangestellten sagen sollten, dass ich meinen Protest beenden werde, sobald man uns zwei leere Bänke zur Verfügung gestellt hat. Und wie durch ein Wunder liege ich kurz darauf gemütlich in meinem Schlafsack auf einer Bank, die ich ganz für mich alleine habe. Wang Yan und Xiao Jing teilen sich die zweite Bank.


Unser Flug ist mittlerweile zwei Stunden verspätet.

Wang Yan nimmt die Flughafenangestellte ins Kreuzverhör und fragt sie nach dem Grund der Verspätung. Schließlich gibt die Flughafenangestellte zu, dass unser Flieger noch nicht einmal von Tianjin nach Qingdao abgeflogen wäre. Davor hätte unser Flieger lange nicht in Changsha starten können, da dort ein Sandsturm gewütet hätte. Wang Yan hält dies für eine Falschinformation. Sie ruft einen Bekannten an und bittet ihn, das Wetter in Changsha zu recherchieren. Die Antwort überrascht uns alle nicht: strahlender Sonnenschein seit einer Woche!

Wang Yan konfrontiert die Flughafenangestellte mit ihrer Lüge. Die Frau beginnt daraufhin nervös zu stottern, dreht sich schließlich mitten im Gespräch um und läuft davon. Wang Yan und Xiao Jing diskutieren nervös, ob vielleicht ein massiver technischer Defekt hinter der Verspätung stecken würde und ob es sicher sei, das Flugzeug zu besteigen, sollte es doch unerwartet irgendwann starten.

Mir ist nach wie vor alles wurscht, ich kuschel mich in meinen stinkenden Schlafsack und schlafe bald ein. Wie mir Wang Yan und Xiao Jing später berichten werden, sorge ich selbst schlafend in meinem Schlafsack für einen unglaublichen Aufruhr unter den anderen Passagieren. Sie stellen sich um mich herum, beobachten mich und einige machen sogar Fotos.

Irgendwann werde ich von den beiden Kolleginnen geweckt. Sie teilen mir mit, dass der Flug mittlerweile vier Stunden verspätet sei und uns die Fluggesellschaft als Entschädigung ein Abendessen in einem der Restaurants spendieren würde. Wir bekommen Essensmarken und werden zu einem heruntergekommenen, kantinen-ähnlichen Restaurant geführt. Da es mittlerweile sehr spät ist, beschränkt sich die Auswahl beim Essen auf ein Luxusmenü aus gekochtem Reis, Schleimsuppe und Stinky-Tofu.

Für alle, die genau wissen wollen worum es sich bei Stinky Tofu handelt empfehle ich folgenden link: http://en.wikipedia.org/wiki/Stinky_tofu

Der Name spricht für sich. Da mir alleine schon vom Geruch des Stinky Tofu sofort schlecht wird (riecht fast so schlimm wie die Toilette bei der Innermongolischen Tankstelle), verzichte ich großzügig auf mein Abendessen und verschenke meine Essensmarke.

Nach 6 Stunden Verspätung besteigen wir endlich um 3.00 in der Früh unseren Flieger nach Qingdao. Im Flugzeug knallt ein Mitreisender seinen kleinen Koffer auf Xiao Jings Kopf, als er den Koffer in das Handgepäckfach hebt. Als das Flugzeug landet, bricht ein Stück Verkleidung aus der Decke und fällt einem Passagier auf den Kopf. Schläfrig denke ich mir, dass es sich anscheinend doch um einen technischen Defekt gehandelt haben muss und wir froh sein können, dass das Flugzeug während des Fluges nicht auseinandergefallen ist. Eigentlich ist es mir aber wurscht.

Der Taxifahrer, der uns vom Flughafen in Qingdao abholt rümpft die Nase angesichts unseres Geruchs und kurbelt während der Fahrt alle Fenster herunter. Um 6.00 in der Früh kommen wir fix und fertig und furchtbar stinkend in unserem Hotel an. Bis an mein Lebensende werde ich das Gefühl nicht vergessen, als ich mir endlich unter einem kräftigen Duschstrahl mit viel Seife und Shampoo den Schmutz von drei Tagen abwasche und anschließend in mein sauberes, komfortables Hotelbett krieche um 10 Stunden durchzuschlafen. Am späten Nachmittag wache ich auf und wir starten direkt in das Bierfestival. Aber das ist eine andere Geschichte.




Sonntag, 31.10.2010, 09:29

Ich betrete mein Zelt. Vor mir liegen meine fünf Zeltgenossinnen tief und fest schlafend in ihre Schlafsäcke eingepackt. Sie haben mir vorsorglich einen freien Platz gelassen und ich stelle erleichtert fest, dass zwischen mir und Funny zwei Kolleginnen liegen. So leise wie möglich steige ich in meinen Schlafsack, wickle mir den obligatorischen Schal um meinen Kopf (die Stirnhöhlenentzündung) und falle ziemlich erschöpft (dank anstrengender Teambuildingsaktivitäten) und leicht besäuselt (dank inner-mongolischen Biers) in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Mitten in der Nacht werde ich von eigenartigen Geräuschen geweckt. Ein Röcheln, ein Gurgeln, es klingt als ob jemand ersticken würde. Die Kollegin zu meiner rechten schläft selig, die Kollegin zu meiner linken ist allerdings auch wach. Wir schauen uns verwirrt an. Plötzlich hört das Geräusch auf. Ich schlafe sofort wieder ein, um aber wenig später von demselben Geräusch wieder geweckt zu werden. Meine Kollegin, Sandy, identifiziert schließlich die Ursache des Geräuschs – Funny übt spät, aber dafür sehr subtil Rache. Sie schnarcht. An Schlaf ist in dieser Nacht kaum noch zu denken – ich nicke zwar immer wieder ein, bevor ich aber endgültig in eine erholende Tiefschlafphase gleiten kann, gibt Funny mit perfektem Timing einen röchelnden, zischenden Laut von sich und ich bin sofort wieder hellwach. Als sich schließlich um 6.00 Uhr meine Kollegin Wu Li über mich beugt und mich aufweckt, fühle ich mich fast genauso gerädert wie am Vorabend.

Um 7.00 Uhr ist das Frühstück. Nach dem Frühstück bemerken wir, dass in sämtlichen Toiletten im Camp die Spülungen ausgefallen sind. Whatever – bei mir hat sich mittlerweile ein gewisser Abhärtungszustand gegenüber der hygienischen Situation im Allgemeinen und der Toilettensituation im Besonderen eingestellt.
Unmittelbar nach dem Frühstück folgt das erste Spiel des Tages. Ich füge mich in mein Schicksal und höre willenlos zu, wie der Trainer von „Wir werden uns nicht beschweren“ das Spiel auf Chinesisch erklärt.


Anschließend werden wir wieder in Gruppen eingeteilt. Nach und nach stellt sich für mich heraus, dass das nächste Spiel eine Schnitzeljagd quer durchs Grasland ist. Ich habe den Ehrgeiz, unsere Gruppe zum Sieg zu führen und so hetzen wir quer durch das Grasland, um alle Stationen als Erste zu passieren. Und tatsächlich, wir kommen auch wesentlich früher als die zweite Gruppe an der letzten Station an. We are the champions!

Das Ziel:

Dachten wir. Bei der Siegerehrung stelle ich mit Verwunderung fest, dass unser Team nur den 2. Platz errungen hat. Eine Gruppe, die mindestens 45 Minuten nach uns die letzte Station absolviert hat, bekommt den Hauptpreis überreicht. Als ich mich bei Wang Yan darüber aufrege, erklärt sie mir, dass jedem sonnenklar ist, dass unser Team als Erstes im Ziel angekommen ist. Es sei aber auch klar, dass traditionellerweise immer das Team des Chefs zu gewinnen hätte. Und tatsächlich, im vermeintlichen Gewinnerteam nimmt freudig grinsend und vollkommen ungeniert unser Chef den Hauptpreis in Empfang. Er scheint richtig stolz auf seinen „aufrichtig verdienten“ Sieg zu sein. Aber so läuft es nun einmal – Status zählt, und nicht etwa Leistung.

Kurz danach sitzen wir wieder in unserem Reisebus und werden von der hochmotivierten Reiseleiterin ohne Punkt und Komma für die nächsten zwei Stunden vollgeplärrt. Ich frage Wang Yan, ob es sie interessieren würde, was die Reiseleiterin von sich gäbe. Wang Yan schüttelt genervt den Kopf und klärt mich darüber auf, dass die meisten unserer Kollegen auch froh wären, wenn die Rückfahrt still und leise erfolgen würde, damit man sich von den Strapazen des Teambuilding-Events bei einem Nickerchen erholen könnte. Aber wie so oft in China beschwert sich niemand, man erträgt lieber. Trotz ohrenbetäubender Dauerbeschallung schaffen es aber doch die meisten von uns in einen unruhigen, wenig erholsamen Halbschlaf zu fallen.


Im Bus breitet sich außerdem nach und nach ein gewisser unangenehmer Geruch aus – langsam macht es sich bemerkbar, dass wir alle seit zwei Tagen nicht mehr geduscht haben. Ich wache irgendwann aus einem furchtbaren Alptraum auf, in dem ich in einem chinesischen Gefangenenlager zum Toiletten putzen in der Inneren Mongolei eingeteilt worden bin – meine Haut fühlt sich schmierig klebrig von getrocknetem Angstschweiß an, mein Nacken und gesamter Rücken sind höllisch verspannt und ich habe Nierenschmerzen (da ich eine weitere Toilettenpause auf der Fahrt vermeiden möchte, hab ich die Flüssigkeitszufuhr auf ein absolutes Minimum reduziert, was sich leider nicht gut auf meine Nieren auswirkt). Auf gut Deutsch: ich fühle mich pudelwohl!

Unterwegs machen wir in einem typisch inner-mongolischen Restaurant eine Pause um zu Mittag zu essen. Damit es beim Essen auch ja nicht zu beschaulich und ruhig zu geht, werden wir auch hier non-stop von einer Gesangstruppe in typisch inner-mongolischen Kostümen unterhalten.


Anmerkung: ich bin im Besitz eines Videos von F. der unrasiert, vollkommen apathisch im Takt zu dem einem Lied der Gesangstruppe mit klatscht. Ich musste ihm allerdings hoch und heilig versprechen, dieses Video niemals zu veröffentlichen.

Nach dem Mittagessen sind wir mit den Nerven am Ende. Wir wollen einfach nur noch zum Flughafen. Wang Yan und ich haben vor dem Teambuilding-Event schon geahnt, dass wir danach ein radikales Alternativprogramm brauchen würden. Daher haben wir wohlweislich keine Rückflugtickets nach Shanghai gebucht, sondern Direktflüge von Hohhot nach Qingdao, um dort bei dem alljährlich stattfindenden Bierfestival die traumatischen Ereignisse des Teambuilding-Events im Alkohol zu ertränken. F. und eine weitere Kollegin, namens Xiao Jing, haben sich uns angeschlossen. Wir vier fiebern daher nur noch unserem Abflug nach Qingdao entgegen. Nach dem Mittagessen kommt es zum Showdown: das letzte Teamspiel wird absolviert. Ich weiß nicht genau, was das Ziel des Spiels sein soll, Tatsache ist, dass wir alle wie von Sinnen herumbrüllen und uns gegenseitig auf die Schulter klopfen.

Schließlich werden wir zum Flughafen gekarrt.


Freitag, 03.09.2010, 16:33

Schließlich kommen wir, halbtaub aufgrund der stundenlangen Dauerbeschallung durch unsere Reiseführerin während der Busfahrt, in dem Zeltcamp an. Unmittelbar nachdem wir aus dem Bus ausgestiegen sind, kommt das nächste Team-Spiel. Wir müssen unsere fünf Schlafgenossen für die nächste Nacht finden – genau, wir schlafen nämlich zu sechst in einem Zelt.


F., ein Kollege der für zwei Monate aus unserem Headquarter nach China entsendet worden ist, fragt hoffnungsvoll, ob gemischte Zeltbelegungen auch möglich wären. Meine chinesischen Kollegen lachen nervös (und denken sich wahrscheinlich dabei: „Typisch Ausländer – kaum in Asien und denkt nur an das eine!“). Funny (genau, die Shredder-Funny), die hauptverantwortlich für die Organisation des Teambuilding-Events ist, verneint F.‘s Frage. F. erklärt mir später, dass er eigentlich einen vollkommen anderen Hintergedanken gehabt hätte – erfahrungsgemäß würden die meisten Männer schnarchen. In einem Frauenzelt wäre daher die Chance auf eine ruhige Nacht wesentlich größer. Genau, das wird der einzige Grund sein …

Und wie es der Zufall (oder ist es Schicksal?) will, lande ich in demselben Zelt wie Funny. Mir ist ein wenig mulmig zumute – trägt sie mir die Shredder-Sache noch nach? Wird sie diese Gelegenheit nutzen, um ein für alle Mal mit mir abzurechnen? Es bleibt nicht viel Zeit, um über dieses Thema weiter nachzudenken, da wir zum Mittagessen gerufen werden. In der Gemeinschaftsspeisehalle des Zeltcamps werden uns diverse mehr oder weniger appetitliche Speisen vorgesetzt. Jedes zweite Gericht schaut wie getrocknetes ca 20 Jahre altes, nicht näher identifizierbares Fleisch aus, auf fast allen Gerichten sitzen Fliegen. Man kann es ihnen nicht vorwerfen, auch Fliegen haben Bedürfnisse. Wie die meisten meiner Kollegen mache ich mich über die Beilagen her und werfe nach dem Essen vorbeugend alle Magenverstimmungs- und Durchfallmittel ein, die sich in meiner Reiseapotheke befinden. Ein Blick in die Gemeinschaftstoiletten des Zeltcamps bestärkt mich in meinem Vorhaben, Durchfall und überhaupt jegliche Magendarmverstimmungen um jeden Preis zu vermeiden.

Nach dem Mittagessen werden wir zum nächsten Teambuildingspiel getrieben. Es findet im Freien unter der glühenden mongolischen Sonne statt. Die meisten meiner Kolleginnen nehmen an den Aktivitäten im Freien nur vollverschleiert teil – nicht etwa, weil sie bekennende, streng religiöse Musliminnen sind. Nein, die Sonne könnte ihre mühsam mithilfe von Whitening-Lotion herangezüchtete Blässe zerstören. Mein Vorschlag, dass man auf die lächerliche Verschleierung verzichten und sich stattdessen einfach mit Sonnencreme einschmieren könnte, wird ignoriert. Diese Ausländerin – keine Ahnung davon, wie man eine noble Blässe am besten schützt.



Zuerst bauen wir zusammen eine Brücke. Anschließend müssen wir Hand in Hand über ein zwischen zwei Zelten gespanntes Seil springen, ohne das Seil zu berühren. Dann fahren wir in einer Kutsche, die von einem Kamel gezogen wird. Das Kamel ist zwischendurch bockig und möchte nicht weitergehen. Es schreit genervt, was ich sehr lustig finde. Nachdem der innermongolische Kutschfahrer lang genug auf das arme Tier eingeprügelt hat, erbarmt es sich und bringt uns zurück zu dem Zeltcamp. Im Zeltcamp angekommen dichten wir ein Teamlied, das wir beim Abendessen aufführen müssen. Bei der Wahl der Melodie herrscht Unstimmigkeit, bis ich die glorreiche Idee habe, den Text unseres Teamliedes auf die Melodie von „Stille Nacht, heilige Nacht“ anzupassen. Auf den nächsten Programmpunkt freue ich mich schon den ganzen Tag lang – Reiten auf mongolischen Pferden! Alle Kollegen haben höllische Angst, die meisten verweigern dieses Teamspiel. Was keiner weiß: bereits als Kind habe ich reiten gelernt und bin im Laufe der Jahre immer wieder auf den Rössern meiner pferdebegeisterten Familie gesessen. Ich muss aber an dieser Stelle zugeben dass ich verglichen mit meiner Mutter, meinem Bruder und meiner hochbegabten Schwester mit Abstand immer die schlechteste Reiterin der Familie war.

Rauf aufs Pferd und los geht’s. Schritt und schließlich Trab. Spitze Schreie meiner Kolleginnen folgen, als sie beim Traben auf ihren Pferden durchgeschüttelt werden. Vergeblich versuche ich ihnen zu erklären, dass lautes Schreien ein Pferd eher nicht dazu bringt, langsamer und gelassener zu werden. Der mongolische Pferdeführer wird sichtlich nervös, dass ich mich nicht, wie alle anderen, krampfhaft an dem eisernen Haltegriff auf dem Sattel festhalte, sondern mit den Zügeln in der Hand das Pferd dorthin lenke, wo ich gerne hinmöchte. Er fordert mich auf, den Eisengriff zu halten. Ich tue so als ob ich ihn nicht verstehen würde und lenke mein Pferd weg von ihm. Kurz darauf muss eine Kollegin absteigen. Das Reiten auf dem bösen, bösen Pferd war zuviel für ihr zartes, chinesisches Nervenkostüm. Sie zittert vor Angst am ganzen Körper und möchte zu Fuß zurück zum Camp gehen. Was denn, wir sind ja noch nicht einmal galoppiert! Mir reicht’s, das geht mir alles zu langsam, das ist ja eine Seniorenveranstaltung. Ich beginne mein Pferd mit gezielten Tritten zu provozieren – wie schade, dass ich keine Gerte habe. Dem Pferd reicht es aber auch langsam und es beginnt los zu rennen. Hurra, was für ein Gefühl – ich rase im gestreckten Galopp durch das Grasland, weg von dem Team, weg von den Psycho-Spielen! Irgendwann dreht mein Pferd um und läuft zurück zum Zeltcamp. Dort angekommen, drehe ich mich triumphierend um, um zu sehen, wo meine Gruppe geblieben ist. Alle dackeln ca 500 m hinter mir gemächlich auf ihren Pferden Richtung Camp. Alle, bis auf meinen Kollegen Ouyang, dessen Pferd direkt hinter meinem stehen bleibt – er sitzt kreidebleich auf seinem Pferd und hält sich krampfhaft an dem Eisengriff fest. Ich sehe kalten Schweiß auf seiner Stirn und das blanke Entsetzen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Offensichtlich hat sich sein Pferd von meinem Pferd anstecken lassen und ist ihm hinterhergelaufen, sodass Ouyang unfreiwillig an unserem Rennen teilnehmen musste. Zum Glück ist er nicht heruntergefallen …

Langsam nagt der Hunger an mir. Da ich befürchte, dass das Abendessen ähnlich appetitlich wie das Mittagessen ausfallen wird, beschließe ich eine Inventur bei meinen Kollegen zu machen. Kein Chinese geht auf Reisen ohne irgendetwas zu essen einzupacken. Und ich habe Recht – es stellt sich heraus, dass die meisten meiner Kollegen Vorräte an Keksen und Schokolade in ihrem Gepäck haben. Ungeniert gehe ich auf Betteltour. „Du, Zhang Yan, ich habe so großen Hunger – kann ich ein bisschen von deiner Schokolade haben? Oder vielleicht gleich die ganze Tafel? Bitte?“ Bis zum Abendessen habe ich Unmengen an Süßigkeiten erbettelt und in mich hineingestopft, sodass mir fast schlecht ist. Nach dem Abendessen spielen wir noch ein paar Spiele – warum auch nicht? Wir haben ohnehin den ganzen Tag lang nichts anderes gemacht, auf ein paar mehr oder weniger kommt es auch nicht mehr an. F. und ich werden bei einem Spiel ausgeschlossen, da es auf Chinesisch gespielt werden muss, um lustig zu sein (wobei ich persönlich bezweifle, dass ich es lustig finden würde, selbst wenn ich Chinesisch spräche – es ist nämlich nicht nur eine Frage der Sprache, sondern auch eine Frage der Kultur, was man lustig findet). F. und ich nutzen die Gelegenheit um heimlich ein paar Bier zu kippen – mit einem leichten Rausch lässt sich die Nacht im Zelt sicher besser zu überstehen als nüchtern. Außerdem machen wir uns auf die Suche nach Duschmöglichkeiten. Diese Suche bleibt erfolglos, da es nur für die Luxuszelte Duschmöglichkeiten gibt. Bei unserer Zeltvariante, die die Billigste ist (man merkt, dass hier die kostenbewußte Funny bei der Planung am Werk war) muss man stinken. Daraufhin kippen F. und ich noch ein paar Bier – mit einem Rausch lässt sich der Gestank (der eigene und der der anderen) sicher auch besser ertragen als nüchtern.

Als wir zurück zu unserem Team wanken – Entschuldigung, festen Schrittes marschieren – merken wir, dass mittlerweile alle ins Bett gegangen sind. Also brechen wir auch zu unseren jeweiligen Zelten auf. Funny wartet sicher schon sehnlich auf mich …


Dienstag, 24.08.2010, 17:55

Und zwar nicht nur in Shanghai oder Beijing, wo wir den Komfort internationaler Großstädte haben. Nein, wir müssen auch unter Beweis stellen, dass wir in Hohhot gemeinsam stark sind.

Hühott? Nein, Hohhot, die Hauptstadt der Inneren Mongolei. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass die Innere Mongolei nicht Teil der Mongolei ist, sondern eine Provinz im Nord-Westen Chinas. Dorthin fahren wir für drei Tage, um in der Wildnis mit allen Kollegen unserer Abteilung ein Teambuilding Event zu veranstalten.
Im Vorfeld des Events gibt es schon gröbere Probleme. Da die Informationspolitik in unserer Abteilung, treu dem chinesischen Stil, sehr intransparent und vage ist, beginnen diverse Kollegen bereits Wochen vor dem Event die wüstesten Mutmaßungen über das Programm anzustellen. Wir werden Kraftmärsche unternehmen, im Sumpf, im Hochgebirge. Wir werden auf wilden Pferden reiten und im Freien übernachten. Nur die Härtesten werden durchkommen, das Teambuilding Event dient in Wahrheit dazu, schwache Kollegen auf dem natürlichen Weg los zu werden. Einen Tag vor dem großen Ereignis erreicht die kollektive Hysterie ihren Höhepunkt und die Nerven vieler Kollegen liegen blank. Eine Kollegin ist sogar den Tränen nahe und teilt Wang Yan im Vertrauen mit, dass sie den Job in unserer Firma nie angenommen hätte, wenn sie von diesen Gefahren gewusst hätte.
Ich lasse mich natürlich nicht von der allgemeinen Panik-Macherei anstecken. Immerhin war ich letzten Herbst zehn Tage in Nepal trekken. Dagegen wird die Innere Mongole ein Spaziergang sein. Daher packe ich auch für drei Tage nur: einen Fleece-pullover, eine Fleece-Jogginghose, eine Wanderhose, drei Paar normale Jogginghosen (falls wir durch den Sumpf müssen und ein Paar dabei nass wird) lange Unterwäsche aus Wolle, zwei kurzärmelige T-Shirts, zwei langärmelige T-Shirts, dicke Handschuhe, eine Haube, drei Schals, eine Thermoplane (falls wir tatsächlich im Freien übernachten müssen), fünf Paar Socken (falls die Socken im Sumpf nass werden), Reithandschuhe (falls die Pferde hart zu reiten sind, damit ich mir die Hände an den Zügeln nicht wund schürfe), Sonnencreme mit SPF 50, eine Regenjacke und eine wasserdichte Hose (richtig, für den Sumpf), meine Trekking-Schuhe, eine Kappe, eine große Wasserflasche, Desinfektionszeug, Verbandszeug – das sollte eigentlich für zweieinhalb Tage in der Wildnis reichen. Halt, meine Kamera muss auch mit, damit ich dieses große Ereignis von A bis Z festhalten kann.

Am nächsten Tag ist es soweit. Nach dem Mittagessen brechen wir in einem Minivan zum Flughafen auf. Wir fliegen nach Hohhot (man spricht es übrigens Hu Hö Hao Tö aus). Der Flug ist, wie immer, verspätet. Aber nur um 1 Stunde, also quasi pünktlich. Wir kommen um 21.00 Uhr an und werden von den Mitarbeitern der Team-Building Organisaton empfangen. Der Name der Organisation lautet „Wir werden uns nicht beschweren“, was schlau ist – somit kann im Fall eines misslungenen Teambuilding-Events der Organisator immer behaupten, dass wir von vornherein darauf verzichtet hätten, uns zu beschweren. Auf der Busfahrt vom Flughafen zum Hotel erzählt uns eine Mitarbeiterin von „Wir werden uns nicht beschweren“ alles was man über Hohhot und die Innere Mongolei wissen muss. Sie tut dies in typischer chinesischer Reiseführer-Manier über ein Soundsystem im Bus, das viel zu laut eingeschaltet ist und jegliche Versuche unsererseits nach dem Flug einzuschlafen unterbindet. Leider spricht sie nur Chinesisch. Nach der Dauerbeschallung auf der 30 minütigen Fahrt zum Hotel in Hohhot, dürfen wir aber nicht gleich ins Bett gehen. Es folgt das erste Teambuilding-Spiel. Wir müssen jeweils zu zweit in einem Hotelzimmer schlafen und unsere Zimmerpartner werden ausgelost. Ich habe Glück – mir wird eine sehr nette Kollegin zugeteilt.

Am nächsten Tag in der Früh besteigen wir gleich nach dem Frühstück erneut den Bus um zu einem Nomaden-Camp „in the middle of nowhere“ aufzubrechen. Auf der dreistündigen Busfahrt müssen wir abwechselnd dem unvermeidlichen, durch das Soundsystem verstärkten chinesischen Dauermonolog der Reiseführerin zuhören oder Teambuilding- Spiele spielen. An Schlaf ist auch diesmal nicht zu denken.

Dann kommt das erste große Highlight des Teambuilding Events: die Klopause auf der Tankstellen-Toilette in der Inneren Mongolei. Ich beschließe, mich dieser Herausforderung zu stellen. Immerhin war ich schon 10 Tage in Nepal trekken und habe sämtliche Toiletten in Kathmandu überlebt. Schlimmer kann die Tankstellen Toilette in der Inneren Mongolei auch nicht sein. Dachte ich.

Ich stelle mich also mit meinen chinesischen Kolleginnen vor dem Klohäuschen an. Als ich die ersten Ekelschreie höre, bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Ich beobachte, wie sich die Kolleginnen, die am Anfang der Reihe stehen, ihre Schals vor Mund und Nase binden, bevor sie das Häuschen betreten. Als ich an der Reihe bin, wankt eine Kollegin mit kreideweißem Gesicht aus der Toilette. Ich werfe einen Blick hinein und mir bietet sich ein Anblick, den ich mir in meinen kühnsten Toiletten-Alpträumen nicht vorgestellt hätte. Gleichzeitig kommt mir eine Wolke des übelsten Gestankes entgegen. Sodom und Gomorrha, Tod und Verderben. Ich höre, wie sich die Kollegin, die soeben aus der Toilette gekommen ist, lautstark übergibt. Und plötzlich machen sich meine Beine selbstständig, ich kann gar nichts anderes machen, als vor diesem grauenhaften Ort davon zu laufen. Ich bin plötzlich von Kollegen umringt, die mich besorgt ansehen und fragen, ob alles in Ordnung wäre. Ich kann es nicht, ich kann da nicht hineingehen.

Eine andere Kollegin – die mir in dieser Situation wie der rettende Engel vorkommt – nimmt mich an der Hand und erklärt mir, dass sie in das angrenzende Gebüsch gehen würde und ich mich ihr anschließen könne. Das tue ich dann auch und versage somit bei der ersten Herausforderung des Teambuilding Events.

Bild: http://www.travelchinaguide.com/images/map/inner_mongolia/neimenggu.gif


Dienstag, 22.06.2010, 17:55

A. liegt vollkommen angezogen auf seinem Bett, Arme und Beine von sich gestreckt und schläft friedlich. Er wacht kurz auf, sieht mich und das verängstigte Zimmermädchen, murmelt etwas Unverständliches und schläft weiter. Gut, bin beruhigt. Kein Herzinfarkt, kein Raubmord, einfach nur totaler erschöpfungsbedingter Zusammenbruch. Wir lassen A. schlafen und hoffen, dass er sich am nächsten Tag wieder halbwegs erholt hat, um die Verhandlungen weiterzuführen.

Da es erst 21.00 Uhr ist, beschließen Cheng Jin und ich noch einmal den Massagesalon aufzusuchen. Das Unterhaltungsprogramm in Anshan hat auch nicht viel mehr zu bieten. Im Massagesalon werden wir bereits wie Stammgäste begrüßt – in Anshan ist man als Ausländer noch eine richtige Attraktion. Entspannt lassen wir uns auf unsere Betten sinken und von den geübten Händen der Masseusen durchkneten. Cheng Jin schläft bald darauf ein, ich höre sie gleichmäßig und entspannt atmen. Es ist auch wirklich gemütlich und entspannend, aber jetzt einfach so einschlafen könnte ich nicht. Es gehen mir viel zu viele Dinge durch den Kopf. Die Verhandlungen morgen, wann unsere Heimreise sein wird etc …

Wie von der Tarantel gestochen wache ich in einem stockfinsteren Raum auf. Ich bin völlig orientierungslos und liege unter einer muffigen Decke. Ich stehe taumelnd auf und wanke, nur mit meiner Unterhose bekleidet, durch den dunklen Raum. Ich habe keine Ahnung wo ich bin. Bin ich entführt und hierher gebracht worden? Plötzlich knalle ich mit dem Schienbein gegen eine Liege und höre Cheng Jin´s verschlafene Stimme, die etwas auf Chinesisch murmelt. Da dämmert es mir. Nach ungefähr fünf Minuten hektischen Herumirrens in dem dunklen Raum finde ich den Lichtschalter und meine Vermutung bestätigt sich. Es ist 1.45 Uhr. Wir haben fast vier Stunden im Massagesalon geschlafen. Hektisch durchwühle ich meine Geldbörse und atme erleichtert auf – weder mein Bargeld noch meine Kreditkarte sind abhanden gekommen. Wir ziehen uns verschlafen an und wollen das Zimmer verlassen. Da merken wir, dass die Tür versperrt ist. Ich werde wieder leicht panisch, aber Cheng Jin entdeckt sofort den Schlüssel, der von außen unter der Tür durchgeschoben wurde. Ich bin gerührt. Die Masseusen haben uns schlafen lassen, uns zugedeckt und bevor sie nachhause gegangen sind und die Tür von außen zugesperrt, damit uns auch nichts passieren kann. Ich bin überwältigt angesichts so viel Fürsorge. Als wir unsere Massage bezahlen und uns dafür bedanken, dass man uns so fürsorglich behandelt hat, erklärt uns die Angestellte, dass wir auch die ganze Nacht bleiben könnten und lediglich 8 EUR aufzahlen müssten. Wir lehnen dankend ab und machen uns auf den Weg zu unserem Hotel. Cheng Jin und ich scherzen im Taxi, dass wir uns das nächste Mal das Hotelzimmer sparen und einfach im Massagesalon wohnen sollten, da das Preisleistungsverhältnis wesentlich besser wäre als im Hotel. Wir ahnen nicht, wie schnell aus Spaß Ernst werden kann …

Die Verhandlungen am nächsten Tag laufen verhältnismäßig gut. Leider ist unser ganzes Team mittlerweile sehr angeschlagen. A., weil er grundsätzlich überarbeitet ist und die vergangenen 18 Stunden Schlaf nicht genug waren, um den Grad seiner Überarbeitung auszugleichen. Cheng Jin und ich, da wir die halbe Nacht im Massagesalon verbracht haben. A. schafft es dennoch, unter Aufbietung seiner letzten Kraft, die Managerin auf Kundenseite mit seinem Charme einzuwickeln und von unseren wichtigsten Punkten zu überzeugen. Wir hoffen, um spätestens 18.00 Uhr aufbrechen zu können, um den letzten Flieger aus Shenyang nach Shanghai zu erwischen. Um 17.30 Uhr teilt uns die Managerin des Kunden mit, dass sie jetzt gehen müsste. Der Vertrag ist fertigverhandelt, wir sind begeistert und beginnen unsere Sachen zu packen. A. fragt die Managerin, wer nun für den Kunden den Vertrag unterschreiben würde. Die Managerin lächelt uns milde an und meint im Hinausgehen nur, dass wir jetzt mit ihrem Vorgesetzten weiter verhandeln müssten. Sie könne doch keine Entscheidungen treffen, das wäre doch nur eine Vorbesprechung des Vertrages gewesen.

Nein, nein, nein – wider besseren Wissens sind wir in die China-Falle getappt. Nichts ist entschieden, alles ist offen, der Kunde hat uns den ganzen Nachmittag lang jemanden vor die Nase gesetzt, dessen einzige Aufgabe es war uns auszuhorchen und unseren Standpunkt herauszufinden. Nun, am Ende eines sehr anstrengenden Tages eines sehr anstrengend business trips werden wir mit dem wahren Entscheidungsträger konfrontiert, der frisch und ausgeruht gegen uns antreten kann. A. und ich schauen uns verzweifelt an. A. meint nur, dass er nachhause möchte. Wie auf Kommando stimmen wir den Refrain von „Fürstenfeld“ an.

Und so tönen heimatliche Klänge durch den Meeting Raum des chinesischen Kunden in Anshan nahe der Grenze zu Nordkorea:“ I will wieder ham, fühl mi da so allan. I brauch ka große Welt, i will ham nach Fürstenfeld!“
Unsere chinesischen Kollegen lachen nervös und schauen sich betreten an. Für sie ist der Fall klar: beide Ausländer sind nun endgültig durchgedreht.

Sind wir nicht. Wir sind ja hart im Nehmen. Und so akzeptieren wir unser Schicksal mit zusammengebissenen Zähnen. Mit dem Entscheidungsträger wird knallhart bis um 1.00 Uhr nachts verhandelt. Er hat unsere Zähheit definitiv unterschätzt. Der Vertrag wird unterschrieben, es ist einer der größten Aufträge des Jahres für diese Abteilung unserer Firma. Um 1.30 Uhr verlassen wir den Ort des Geschehens und machen uns auf die Suche nach einem Restaurant für unser Mittagessen/Abendessen. Um 1.30 Uhr haben in Anshan leider nicht mehr besonders viele Restaurants offen – aber auf unseren alten Freund, das 24h-Dumplingrestaurant ist selbstverständlich auch zu dieser späten Stunde Verlass. Ganz ehrlich, wir hatten auch schon lange keine Dumplings mehr. Im Restaurant folgt eine weitere gesangliche Einlage von „Fürstenfeld“. Vollkommen nüchtern, da man in solchen Situation keinen Alkohol braucht, um sich eigenartig zu verhalten.


Als wir gestärkt ins Hotel zurückkommen, sehen wir unser Gepäck an der Rezeption stehen. Cheng Jin und ich haben ja in der Früh ausgecheckt, da wir davon ausgingen, das schöne Anshan am Vorabend mit dem letzten Flieger verlassen zu können. Die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt. Cheng Jin geht zur Rezeption um uns wieder einzuchecken. Eine hitzige Diskussion entbrennt zwischen ihr und der Rezeptionistin. A. schaut mich verzweifelt an und mir schwant Übles. Cheng Jin dreht sich ratlos zu uns um und meint, dass das Hotel vollkommen ausgebucht wäre – abgesehen von der Präsidentensuite. A.‘s Zimmer sei nach wie vor verfügbar, da er in der Früh nicht ausgecheckt hätte. Die Präsidentensuite würde umgerechnet 1000 EUR pro Nacht kosten.

Klar, eigentlich. Es ist 2.00 Uhr in der Früh, zwei Ausländer suchen dringend ein Zimmer – es wird sich nie wieder so eine gute Gelegenheit bieten, um ein paar Deppen die Präsidentensuite zum dreifachen Preis anzudrehen! Ich teile Cheng Jin meine Vermutung mit und sie meint nur, dass man ein solches Verhalten eigentlich nicht vom besten Hotel der Stadt erwarten dürfte. A. liegt mittlerweile mit dem Kopf auf dem Empfangstresen und schläft im Stehen wobei er interessiert von der Rezeptionistin beobachtet wird. Wir beraten, welche Optionen uns bleiben. Cheng Jin fragt die Rezeptionistin schließlich nach der Adresse des nächstgelegenen Hotels. Die Rezeptionistin meint mit scheinheiliger Miene, dass alle Hotels in der Nähe ausgebucht wären. A. wacht auf und bietet uns sein Bett an – er wäre so müde, dass er auch auf dem Boden seines Hotelzimmers oder in der Badewanne schlafen könne. Cheng Jin und ich sind allerdings einer Meinung, dass wir zuerst alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen und dieses großzügige Angebot nur als allerletzte Option in Betracht ziehen sollten. Schließlich meint A., dass wir die Präsidentensuite nehmen sollen. Nachdem wir so erfolgreich den wichtigsten Vertrag des Jahres für seine Abteilung verhandelt hätten, wäre diese Ausgabe mehr als gerechtfertigt. Das geht mir persönlich allerdings gegen den Strich. Diesen Triumph gönne ich der unfreundlichen Rezeptionistin nicht.

Da kommt mir die Idee des Tages: wir könnten die letzte Nacht im Massagesalon verbringen. Das wäre die unkomplizierteste Möglichkeit, um die paar Stunden bis zu unserem Flug am nächsten Tag zu überbrücken. Cheng Jin ist mäßig begeistert, hat aber keine bessere Idee. Also brechen wir mit unserem Gepäck in Richtung Massagesalon auf. Um 2.30 Uhr marschiere ich mit meinem kleinen schwarzen Rollkoffer durch eine nordchinesische Industriestadt, Nahe der nordkoreanischen Grenze, auf der Suche nach einem Schlafplatz. Wenn mir das jemand vor vier Jahren vorausgesagt hätte, hätte ich definitiv an dessen Verstand gezweifelt.

Auf dem Weg zum Massagesalon kommen wir an einem Hotel vorbei. Da wir gerade nichts Besseres zu tun haben, fragen wir an der Rezeption nach zwei Zimmern. Und siehe da, es sind tatsächlich zwei Zimmer verfügbar. Innerlich verfluche ich die betrügerische Rezeptionistin. Des besten Hotels der Stadt, wohlgemerkt! In dieser Nacht fallen wir ein wenig später als sonst ins Bett. Es ist 3.00 Uhr, als ich mich endlich unter der Bettdecke zusammenrolle und in einen komaähnlichen Tiefschlaf falle.

Am nächsten Tag geht es endlich nachhause. Wir sind alle unglaublich erleichtert, Anshan hinter uns zu lassen. Uns ist mittlerweile auch die saubere Wäsche ausgegangen – A. sitzt in dem zerknitterten Anzug des Vortages im Taxi zum Flughafen Shenyang. Cheng Jin hat seit drei Tagen dieselbe Hose an und ich bin in der Früh zum zweiten Mal in meine gestreifte Bluse geschlüpft. Wir sind allerdings so fertig, dass es uns egaler nicht sein könnte. Es wird Zeit, dass wir nachhause kommen. A. meint, dass er sich auf seine Frau freuen würde. Ich freue mich auf C. und Cheng Jin auf ihre Mama. Wir sind alle ein wenig überdreht, was einerseits an der Vorfreude auf Shanghai liegt, andererseits aber auch daran, dass wir total übermüdet sind. A. und ich versuchen Cheng Jin und unserem Taxifahrer „Fürstenfeld“ beizubringen. Die Melodie des Refrains haben sie sich auch tatsächlich am Ende der zweistündigen Fahrt gemerkt. Chinesen sind sehr musikalisch und gesangsbegeistert.

Im Flughafenbus der uns von unserem Gate zum Flugzeug führt plärrt ein Mann direkt neben uns in einer ohrenbetäubenden Lautstärke in sein Handy. A. klopft ihm nach einiger Zeit auf die Schulter und meint freundlich auf Englisch: „Wenn Sie noch ein bisschen lauter schreien, kann man Sie garantiert bis nach Beijing hören.“ Der Mann schaut A. vollkommen verstört an und Cheng Jin und ich bekommen einen hysterischen Lachanfall, bis uns die Tränen über die Wangen laufen.

Mission erfüllt.


Sonntag, 20.06.2010, 10:06

Mein westlicher Kollege A. kommt mit schicksalsschwerem Blick in mein Zimmer und meint: “Wir müssen wieder los und ich brauche dich. Es geht um eines der wichtigsten Projekte in diesem Jahr und ich will die Verhandlungen keinem Zufall (sprich: den lokalen Kollegen) überlassen.“ „Klar“, antworte ich. „Wohin geht’s? Nach Beijing?“

Doch diesmal führt uns ein Projekt buchstäblich in die tiefste Provinz. Der Vertrag soll in Anshan verhandelt werden. Ich gehe zu meiner Assistentin und bitte sie, nach Flügen von Shanghai nach Anshan zu suchen. Sie schaut mich verdutzt an. Anshan? So wie die Anshan Lu (Lu=Straße) in Shanghai? Von einem Ort namens Anshan hat sie noch nie gehört. Wir beginnen zu recherchieren und kommen zu dem Ergebnis, dass Anshan eine Stadt in der Provinz Liaoning im Norden Chinas ist. Die nächste meiner Assistentin bekannte Stadt ist Shenyang, das ungefähr zwei Stunden mit dem Auto entfernt von Anshan liegt. Die Provinz Liaoning grenzt an Nordkorea. Wie aufregend!

Randbemerkung: Nordkorea hat auch einen Pavillon auf der Expo und zwar direkt neben dem Iran-Pavillon. Die beiden schaue ich mir garantiert an und werde anschließend darüber berichten.

Direktflüge nach Anshan gibt es leider nicht. Wir müssen nach Shenyang fliegen und anschließend zwei Stunden mit dem Auto fahren um nach Anshan zu kommen. Die Kauffrau von A. wird bereits am Montag nach Anshan geschickt, um das Projekt mit dem Kunden vorzuverhandeln. A. und ich sollen erst Dienstagabend nachkommen, um dann noch offene, kritische Punkte am Mittwoch und gegebenenfalls Donnerstag zu finalisieren. Spätestens am Freitag planen wir zurück nach Shanghai zu fliegen. Wir wollen keinen Tag länger als unbedingt nötig in Anshan verbringen.

Am Dienstagabend fliegen wir um 21.00 Uhr nach Shenyang. Wir kommen ohne nennenswerte Verspätung um 23.30 Uhr an. Am Flughafen in Shenyang mache ich das geruchsmäßig schrecklichste Erlebnis meines bisherigen Lebens auf einer öffentlichen Toilette. Interessanterweise steht der recht saubere Anblick der Toilette in keinem Verhältnis zu dem bestialischen Gestank, der einem schon 10m vor dem Eingang zur Toilette entgegenschlägt und die Tränen in die Augen treibt. Ich spare weitere Details aus, nur soviel sei verraten: hätte ich Zeit gehabt etwas zu Abend zu essen, wäre es sicher zu einem unangenehmen Wiedersehen mit meinem Abendessen gekommen. Fix und fertig von diesem Ereignis und todmüde angesichts der fortgeschrittenen Stunde (und der bis dahin nicht gerade unanstrengenden Arbeitswoche) schlafe ich auf der Autofahrt von Shenyang nach Anshan ein. Ich werde allerdings unsanft aufgeweckt, als zwischenzeitlich die asphaltierte Straße einem Schotterweg weicht und mein Kopf bei einem Schlagloch unsanft gegen die Seitenscheibe stößt. Als ich einen Blick aus dem Fenster werfe, sehe ich unbeleuchtete, völlig im Dunkeln liegende, menschenleere Straßen. Ich frage meinen Kollegen, ob wir schon in Nordkorea wären. Nein, meint A. Wir wären vielmehr soeben in Anshan angekommen. Als wir uns dem Zentrum der Stadt nähern, sehen wir, dass es hier noch ein paar beleuchtet Gebäude gibt. Eines davon ist unser Hotel und ein anderes ist ein 24h - Dumplingrestaurant.

Unser Hotel wurde uns als das beste Hotel der Stadt angepriesen. Cheng Jin, A.s Kauffrau, klärt uns später darüber auf, dass das Hotel gemessen an chinesischen Kriterien tatsächlich nicht so schlecht wäre. Als ich mein Zimmer betrete ist es 2.00 Uhr nachts. Die Klimaanlage kühlt auf 18 Grad. Sämtliche Versuche meinerseits, die Temperatur zu erhöhen scheitern – alles andere hätte mich auch, ganz ehrlich gesagt, gewundert. Also rein in den Pyjama (da ich so etwas schon geahnt hatte, habe ich meinen wärmsten Winterpyjama mitgenommen), die Füße in zwei Paar Socken gesteckt, einen Pullover und den Hotelbademantel drüber gezogen, einen Schal um den Kopf gewickelt (um auch der Stirnhöhlenentzündung keine Chance zu geben) und ab ins Bett.

Am nächsten Tag treffen wir beim Frühstück auf unsere technischen Kollegen und Cheng Jin, die schon seit Montag in Anshan ist. Cheng Jin berichtet uns, dass die Vertragsverhandlungen überraschend gut gelaufen und nur noch ganz wenige Punkte offen wären. Wir sind begeistert, da wir glauben, vielleicht sogar schon am Donnerstag zurück nachhause fliegen zu können. Euphorisch stürzen wir uns zusammen mit 30 Chinesen (bekleidet mit Jogginganzug oder Pyjama) auf das Frühstücksbuffet, mit dem garantiert kein anderes Fünf-Sternehotel der Welt konkurrieren kann. Jeder dritte Teller weist keine eingetrockneten Speisereste auf, beim Besteck ist die Trefferzahl sogar noch niedriger. Das Essensangebot besteht aus ungefähr 15 Töpfen, in denen unidenitifzierbare Dinge vor sich hinköcheln, einem Korb mit Toastbrot (um den die anderen Gäste einen großen Bogen machen), einem kaputten Toaster und einer Früchteplatte mit braunen Bananen und ein paar Scheiben Wassermelonen. Und somit besteht unser Frühstück für die Dauer unseres business trips in Anshan aus weichem, ungetoasteten Toastbrot, ein paar Scheiben Wassermelonen, gekochtem Reis und gebratenen Nudeln (die das einzige eindeutig identifizierbare Topfessen sind). All das wird mit Stäbchen gegessen, da diese wesentlich leichter und schneller zu reinigen sind als die verdreckten Messer und Gabel.

Nach dem Frühstück ruft unser Sales Mann den Kunden an und fragt, wann der Kunde uns zur nächsten Verhandlungsrunde empfangen würde. Der Kunde weiß es nicht und verspricht sich zu melden, sobald er bereit wäre. A., Cheng Jin und ich wollen uns im business center des Hotels einen Raum besorgen, um uns dort besser auf die Verhandlungen vorbereiten zu können. Als wir erfahren, dass die Miete eines Raums für einen halben Tag RMB 5000 (über EUR 500) beträgt (ja, gemessen an den Preisen hält das Hotel durchaus mit dem Standard anderer Fünf-Sterne-Hotels weltweit mit), beschließen wir, in einem unserer Zimmer ein provisorisches Büro einzurichten. Die Wahl fällt auf A.s Zimmer, da er als General Manager die höchste travel allowance und somit das größte Zimmer hat. Also schleppen wir aus den anderen Zimmern Stühle in A.s Zimmer. Außerdem tragen wir alle Teetassen in A.s Zimmer, da auch hier die Klimaanlage unbeirrbar auf 18 Grad kühlt und wir dagegen mit literweise heißem Tee ankämpfen wollen. Bald sitzen wir mit unseren Laptops auf dem Schoß in A.‘s Zimmer und tippen wie wild auf unseren Tastaturen. Nach ungefähr einer Stunde stößt Cheng Jin einen verzweifelten Schrei aus – ihr Laptop hat sich abgeschaltet, die Batterie ist leer. Wieso Batterie, wir haben doch alle Laptops angesteckt? Und so realisieren wir, dass aus keiner der Steckdosen Strom kommt. In einem Fünf-Sterne-Hotel, dem besten der Stadt. Ziemlich sauer ruft A. den Zimmerservice an. Als er auf Englisch beginnt sich zu beschweren, wird am anderen Ende einfach aufgelegt. In einem Fünf-Sterne-Hotel, dem besten der Stadt. Daraufhin bekommt Cheng Jin die Aufgabe, sich mit dem Zimmerservice auseinanderzusetzen und das Problem der mangelnden Stromversorgung zu lösen. Schließlich erscheint ein Zimmermädchen mit bitterböser Miene und klärt uns darüber auf, dass nur dann Strom aus den Steckdosen kommen würde, wenn die Schlüsselkarte im Kartenhalter stecken würde (was der Fall ist) und außerdem der Zentralschalter für alle Lichter im Zimmer umgelegt wäre (was nicht der Fall ist). Wir sind solche Deppen, wieso sind wir nicht selbst auf diese naheliegende Idee gekommen? Mit funktionierender Stromversorgung wird weitergearbeitet.

Der Kunde meldet sich bis Mittag nicht. Zu Mittag bekommt A. Hunger. Wir rufen den Zimmerservice an und fragen, ob man sich Essen aus dem Restaurant aufs Zimmer kommen lassen kann. Die Antwort laute schlichtweg: nein. Dann wird aufgelegt. In einem Fünf-Sterne-Hotel, dem besten der Stadt. Cheng Jin wird losgeschickt, um Essen zu kaufen. Sie kommt mit einem Sackerl voller Schokolade, Kekse und abgepackter Kuchen zurück. Im Laufe des Nachmittags essen wir alles auf und uns wird schlecht. Der Kunde lässt nichts von sich hören. A., der ohnehin dauerüberarbeitet ist und nie weniger als 80 Stunden in der Woche im Büro verbringt, schläft irgendwann über seinem Laptop ein. Cheng Jin und ich arbeiten weiter. Irgendwann wollen wir die letzte Version der Verträge und technischen Dokumente ausdrucken. Wir gehen ins business center und erfahren, dass Drucken pro Seite 2 RMB kostet. Cheng Jin rechnet blitzschnell aus, dass uns der Kauf eines Druckers inklusive 500 Seiten Papier billiger kommt, als das Drucken der gesamten Dokumentation im business center. Cheng Jin schickt einen technischen Kollegen los, um einen Drucker zu kaufen. Bald darauf ist unser provisorisches office in A.s Zimmer um einen Drucker reicher.



A., der mittlerweile wieder wach ist und literweise Dosenkaffee in sich hineinschüttet, lobt Cheng Jin für ihr Kostenbewußtsein.

Wir harren bis um 20.00 Uhr in A.s Zimmer aus. Dann kommt der Anruf des Kunden der uns mitteilt, dass er an diesem Tag keine Zeit mehr hätte und sich morgen melden würde.

Genervt verlassen wir das Hotel und machen uns auf die Suche nach einem Restaurant um zu Abend zu essen. Wir landen schließlich in dem 24h–Dumplingrestaurant. Dort bestellt Cheng Jin versehentlich die doppelte Anzahl an Dumplings als geplant. Schließlich sitzen wir vor ungefähr 90 dampfenden Dumplings (Rechnung: unter EUR 15). A. schafft es erst 45 Minuten nach Ankunft im Restaurant etwas zu essen, da er von hysterischen Anrufen aus unserem Headquarter gequält wird.


Um ungefähr 22.30 Uhr sind wir mit dem Essen fertig und so voll, dass wir uns kaum noch rühren können. A. hat daraufhin die blendende Idee, dass wir zur Feier des Tages noch in einen Massagesalon gehen könnten. Also machen wir uns auf, um im nächtlichen Anshan einen geeigneten (und vor allem seriösen) Massagesalon zu finden. Die Mission ist nicht einfach. Es gibt zwar ungefähr 200 Badehäuser in Anshan, aber keinen Massagesalon. Hoffnungsvoll betreten wir ein weiteres Gebäude, bei dem es sich aber wieder nur um ein Badehaus handelt. A. ist genervt und möchte ins Hotel zurück gehen. Da werden wir von einem Mann angesprochen, der am Empfang des Badehauses steht. Er wüsste einen guten und vor allem seriösen Massagesalon in unmittelbarer Nähe. Er erklärt sich auch bereit, mit uns dorthin zu gehen.

Bald darauf marschieren wir zu Dritt hinter dem fremden Mann her. Die Straßen werden immer spärlicher beleuchtet, die Gassen immer kleiner und verwinkelter. Ich überlege mir, was ich an Wertgegenstände bei mir habe und was deren Verlust für Konsequenzen hätte. Da wäre ein wenig Bargeld (verschmerzbar), meine Kreditkarte (weniger angenehm) und schließlich mein Pass (eine absolute Katastrophe, da ich bei dessen Verlust in Anshan festsitzen würde). Der fremde Mann marschiert munter weiter. Mir fällt ein, dass mir irgendjemand erzählt hatte, dass Anshan fest in der Hand der lokalen Mafia wäre. Vorsichtig frage ich A. und Cheng Jin, ob sie das was wir gerade tun würden für klug hielten. A. ist es egal, er möchte einfach nur eine Massage. Cheng Jin möchte was ihr Chef will. Schließlich kommen wir zu dem einzigen beleuchteten Gebäude in einer dunklen Straße – es ist der Massagesalon! Der fremde Mann verabschiedet sich und wir treten ein. Während wir uns das Massageprogramm anschauen, wiederholt A. in einer Tour, dass er eine weibliche Masseuse möchte. Unter gar keinen Umständen würde er einen Mann an sich heran lassen. Cheng Jin und ich werden schließlich in einen Raum und A. in einen anderen Raum geführt. Kaum liegen wir entkleidet und entspannt auf unseren Massagebetten, hören wir empörtes Geschrei vor unserem Raum. Es klopft an unsere Tür, unsere Masseusen werfen blitzschnell zwei Decken über uns und da stürmt auch schon A. in unser Zimmer. Ihm folgt ein blasser, völlig verängstigter junger Chinese. A. brüllt empört, dass er ausdrücklich nach einer weiblichen Masseuse verlangt hätte und man ihm trotzdem einen Mann geschickt hat. Um dem ganzen Theater ein schnelles Ende zu bereiten, schlage ich vor, meine Masseuse gegen A.s Masseur einzutauschen. Mit meiner Masseuse im Schlepptau zieht A. zufrieden ab und wir können endlich unsere Massage genießen. Um 0.30 Uhr gehen wir entspannt und todmüde zurück ins Hotel.

Am nächsten Tag weckt mich um 8.00 Uhr ein Anruf von Cheng Jin. Der Kunde möchte uns um 9.00 Uhr sehen. Ich springe blitzschnell aus dem Bett und unter die Dusche. Der Duschvorgang dauert doppelt so lange wie daheim, was daran liegt, dass aus dem Duschkopf nur ein dünnes Rinnsal kommt, wenn man warmes Wasser haben möchte. In einem Fünf-Sterne-Hotel, dem besten der Stadt. Wir marschieren zum Büro des Kunden und verhandeln den ganzen Vormittag lang. Die Verhandlungen gestalten sich als außergewöhnlich unkompliziert, was uns alle überrascht. Zu Mittag wollen wir uns etwas zu Essen bestellen. Die Auswahl der Restaurants, die Essen liefern, ist prickelnd. Schließlich sitzen wir wieder einmal vor einem Berg dampfender Dumplings.

Am späten Nachmittag haben wir in allen Punkten, bis auf einen, eine Einigung erzielt. Uns wird erklärt, dass wir diesen einen Punkt am nächsten Tag mit dem Oberboss des Kunden klären müssten. Leicht frustriert stellen wir fest, dass wir somit einen weiteren Tag im schönen Anshan ausharren müssen. Um 17.00 Uhr verlassen wir das Firmengebäude des Kunden. A. ist fix und fertig, was kein Wunder ist. Die Tage vor unserem Trip nach Anshan hat er quasi durchgearbeitet. In den zwei Tagen, die wir bereits in Anshan verbracht haben, haben wir auch nicht übermäßig viel geschlafen. Als wir ins Hotel gehen, beginnt A. wirre Dinge zu reden. Er ist blass, ihm steht der Schweiß auf der Stirn und seine Hände zittern. Ich rate ihm, sich für ein paar Stunden hinzulegen. A. nickt kraftlos und verschwindet in seinem Zimmer.

In meinem Zimmer angekommen, beschließe ich ebenfalls ein kurzes Nickerchen bis zum Abendessen einzuschieben. Plötzlich reißt mich das Läuten meines Handys aus dem Tiefschlaf. Es ist unser Sales Kollege, der mir aufgeregt erklärt, dass der Oberboss des Kunden mit uns in einer halben Stunde Abendessen gehe möchte, aber niemand A. erreichen kann. Ob ich wüsste, wo er sei? Ich wanke aus dem Bett, werfe mich in meine Kleider und laufe zu A.s Zimmer. Ich klopfe und läute 20 Minuten an seiner Tür. Keine Reaktion. Also gehen wir alleine mit dem Oberboss Abendessen. Die chinesischen Kollegen ernennen mich kurzfristig zur obersten Vertreterin unserer Firma und als solche gebe ich mein Bestes, um den Oberboss des Kunden beim Abendessen zu unterhalten. Es funktioniert sogar ziemlich gut, da er ein Mann um die 50 ist und es sichtlich genießt im Restaurant mit einer jungen Ausländerin gesehen zu werden. Zu Essen gibt es: Dumplings!

Auf dem Weg zurück zum Hotel versuchen wir verzweifelt A. zu erreichen. Er hebt nicht ab. Kollegen aus Shanghai, aus Beijing, aus dem Headquarter, aus der ganzen Welt rufen uns an und wollen wissen, wieso A. seit Stunden nicht erreichbar ist. Wir rennen zu seinem Zimmer und klopfen an die Tür. Keine Reaktion. Wir läuten Sturm. Für 30 Minuten. Keine Reaktion. Mir fällt ein, dass A. in keiner guten Verfassung war, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Die chinesischen Kollegen beginnen sich in hysterische Räubergeschichten hineinzusteigern (er ist im Zimmer überfallen und ermordet worden, Anshan ist nicht Shanghai, hier ist es gefährlich etc.). Schließlich verlangen sie von mir, eine Entscheidung zu treffen. Nach dem Prinzip: der eine Ausländer ist ausgeschaltet, daher wird automatisch der verbliebene Ausländer zum neuen Boss gemacht und muss entscheiden. Ich entscheide, dass das Zimmermädchen gerufen wird, um die Tür aufzusperren. Ich möchte sicher gehen, dass mit A. alles in Ordnung ist – im letzten Jahr hat es in seiner Abteilung einen (wahrscheinlich) arbeitsbedingten Todesfall und einen (erwiesenermaßen) arbeitsbedingten Nervenzusammenbruch gegeben. Das Zimmermädchen ist ein wenig verwirrt, sperrt aber widerspruchlos die Tür auf. Ich betrete das Zimmer.

Fortsetzung folgt.


Mittwoch, 24.03.2010, 15:13

Wieder einmal stand ein business trip in die schöne Landeshauptstadt an. Meine lokalen Kollegen und ich sind mittlerweile leicht genervt, dass wir regelmäßig unsere eigene Arbeitszeit opfern müssen, um den Kunden unserer schwedischen Firma (nach wie vor handelt es sich nicht wirklich um unsere schwedische Firma, die wahre Firma wird aus Anonymitätsgründen nicht angegeben) davon zu überzeugen, das Projekt doch nicht sterben zu lassen. Der Kunde hat auch langsam Mitleid mit uns und revanchiert sich damit, Lobeshymnen auf unser lokales Team zu verfassen und diese an unser HQ zu schicken. Uns wäre es lieber, er würde endlich den Vertrag und somit unsere Erlösung unterschreiben.

Um diesen business trip möglichst zeiteffizient zu erledigen, haben mein westlicher Kollege und ich beschlossen, in der Früh den ersten Flieger nach Beijing zu nehmen, den Kunden im Schnelldurchlauf zu bearbeiten und mit dem letzten Flieger noch am selben Tag zurück nach Shanghai zu düsen. Wir versichern uns gegenseitig, das auch beinhart durchzuziehen. Wir werden nicht übernachten. Vorsichtshalber packe ich jedoch frische Unterwäsche, eine Bluse und ein Paar Socken in meinen kleinen Laptopkoffer. Man kann nie wissen ...

Am nächsten Morgen klingelt mich der Wecker um 5.30 Uhr aus dem Bett. Ich merke, dass ich kaum gehen kann. Meine Unterschenkel schmerzen höllisch und jeder Schritt wird zur Qual.

Zur Erklärung: Ich bin am Sonntag in der Früh auf die glorreiche Idee gekommen, die 40 Stockwerke unseres Compounds hinauf zu steigen, um meine Kondition zu verbessern. Das Hinaufsteigen war allerdings nicht das Problem. Das anschließende Hinuntersteigen hätte ich besser sein lassen sollen, da es mir den Muskelkater meines Lebens beschert hat.

Zurück zu dem business trip zwei Tage nach meinem Stiegenmarathon.

Ich humple also zum Empfang unseres Compounds, wo mich der Firmenfahrer empfängt. Auf dem Weg zum Hongqiao Flughafen nehmen wir noch meinen westlichen Kollegen und eine chinesische Managerin mit. Auf dem Weg zum Flughafen möchte der westliche Kollege die Verhandlungsstrategie besprechen. Nach ungefähr fünf Minuten fällt die chinesische Managerin in den asiatischen Tiefschlaf. Nach weiteren fünf Minuten tue ich es ihr gleich. Schließlich kommen wir am Flughafen an. Wir checken ein und gehen weiter zum Gate. Dh meine Kollegen gehen und ich humple mit schmerzverzerrtem Gesicht hinterher. Als wir zu einer Treppe kommen, merke ich, dass es unmöglich ist, diese hinunterzusteigen (genau die Bewegung, die den Muskelkater verursacht hat). Ich beginne die Treppe hinunter zu hüpfen. Das dauert allerdings zu lange und birgt außerdem die Gefahr der Verknöchelung, da ich (natürlich) High Heels trage. Mein westlicher Kollege ist leicht genervt, während die chinesische Managerin sich ernsthaft Sorgen um mich macht. Sie ist eine sehr liebe Frau um die 50, kinderlos und hat mich geistig bereits adoptiert. Sie hat schließlich die (typisch chinesische) Idee des Tages – ich solle doch versuchen, die Treppe rückwärts hinunterzugehen. So könne die Bewegung, die den Muskelkater verursacht hat, vermieden werden. Das funktioniert tadellos und da wir in China sind, fällt es auch nicht weiter auf. Hier gehen die Menschen auf der Straße regelmäßig rückwärts, wieso soll man da nicht auch einmal eine Treppe rückwärts hinuntergehen? Im Flugzeug schaffen wir es wieder nicht, die Verhandlungsstrategie zu besprechen, da wir diesmal alle drei sofort einschlafen.

In Beijing angekommen wartet auch schon der nächste Firmenfahrer auf uns. Bevor wir zum Kunden fahren, besteht die chinesische Managerin darauf, dass wir eine Apotheke aufsuchen, um ein chinesisches Heilmittel für meine schmerzenden Beine zu besorgen. Also stehen wir kurz darauf in einer Apotheke wo vier interessierte chinesische Apotheker meine schneeweißen Beine betrachten und die chinesische Managerin ausführlich mein Leiden erklärt. Die Apotheker sind fassungslos und wollen wissen, wieso ich die 40 Stockwerke zu Fuß bewältigen musste. War der Lift ausgefallen? Als sie meine Beweggründe erfahren, werde ich von allen ausgelacht. Schließlich verlassen wir die Apotheke mit einer Lösung, die ich mir in die Waden einreiben muss. Mein westlicher Kollege kauft sich Schmerzmittel, um den Tag zu überstehen. Im Auto reibe ich mir die Beine mit der Lösung ein und wir merken, dass diese sehr geruchsintensiv ist. Meinem westlichen Kollegen wird übel. Auf dem Weg zum Kunden besprechen wir nun endlich die Verhandlungsstrategie. Im Laufe dieses Gesprächs kommen wir darauf, dass die Situation eigentlich ziemlich aussichtslos ist und wir wieder einmal das Selbstmordkommando sind, das die Fehler der Schweden nun ausbügeln muss. Frustration stellt sich ein.

Ich gehe nicht weiter auf die Verhandlungen mit dem Kunden ein. Nur so viel sei verraten: Wir versuchen alles, um den Kunden zu überzeugen. Der Kunde versichert uns auch, dass unsere Bemühungen sehr geschätzt werden. Leider teilt er unseren Standpunkt nicht und kann auch nicht davon überzeugt werden. Als wir bereits denken, dass der Tag nicht mehr schlimmer werden kann lädt der uns der Kunde zum Mittagessen in die Firmenkantine ein.

Anmerkung: Ich habe schon einige besondere kulinarische Erfahrungen in diesem Land gemacht, aber das schlimmste Essen wird definitiv in den Firmenkantinen chinesischer Unternehmen serviert. In so einer Firmenkantine stehen in einer Reihe Metallbehälter, in denen verschiedenfarbige, bis zur Unkenntlichkeit zerkochte Speisen vor sich hin blubbern. Allein der Geruch bewirkt in den meisten Fällen, dass man die Flucht ergreifen möchte. Leider habe ich bis jetzt ausschließlich die Erfahrung gemacht, dass diese Speisen auch genauso schmecken wie sie aussehen und riechen.

Nachdem ich eine weitere Treppe rückwärts bewältigt habe (sehr zum Erstaunen des Kunden), betreten wir die Kantine. Mein westlicher Kollege und ich steuern zielsicher auf den Behälter mit dem gekochten Reis zu und beladen unsere Tabletts damit. Als der Kunde uns besorgt fragt, ob wir die übrigen Speisen nicht probieren wollen, entschuldigen wir uns und schieben schwere Magenprobleme vor. Es wäre absolut unhöflich, dem Kunden ehrlich zu sagen, dass einem der Kantinenfraß nicht schmecken würde. Magenprobleme werden hingegen als Ausrede toleriert.

Nach dem Mittagessen verabschieden wir uns vom Kunden und brechen wieder Richtung Flughafen auf. Auf dem Weg zum Flughafen schlafe ich vor Erschöpfung ein, da meine schmerzenden Beine jeden Schritt doppelt so anstrengend machen.

Im Flugzeug sind neben meinem westlichen Kollegen zwei Plätze frei. Eine Chinesin legt sich kurz nach dem Start quer über diese zwei Plätze und landet mit ihrem Kopf fast im Schoß meines Kollegen. Sich entschuldigt sich dafür und erklärt, dass sie aufgrund ihrer Hämorrhoiden nicht lange sitzen könne. Willkommen in China, in dem Land in dem gesundheitliche Probleme, auch wenn sie noch so persönlich sind, ein absolut gesellschaftstaugliches Thema sind. Andererseits ist man bei solchen Themen zumindest vor der staatlichen Zensur sicher. Für die nächsten eineinhalb Stunden diskutieren wir daher ausführlich die Hämorrhoiden unserer Mitreisenden. Kurz vor dem Landeanflug über Shanghai kippt das Flugzeug plötzlich nach oben. Dann geht es, wie in der Achterbahn, steil nach unten. Ich werde aus dem Sitz gehoben, um mich herum fliegen Becher durch die Luft und die Leute schreien. Über den Lautsprecher plärrt die Stewardess hysterisch etwas auf Chinesisch, woraufhin die chinesischen Mitreisenden ihre Köpfe in den Schoß legen und ihre Arme schützend darüber falten. Nach einer Minute ist alles vorbei und wir landen schließlich sicher in Shanghai.

Zuhause angekommen merke ich, dass ich an diesem Tag vor Stress fast zwei Kilo abgenommen habe. Also hatte dieser business trip wenigstens einen guten Aspekt.

Bild: www.destination360.com/asia/china/images/s/beijing-day-trip.jpg